Theologie

Sollen wir Essen segnen?

„Vater segne diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise…“ So oder so ähnlich haben vermutlich die meisten von uns schon einmal gebetet. Aber was meinen wir eigentlich damit? Wenn wir Gott um sieben Segen bitten, dann ist das sicher nichts Falsches. Aber gibt es einen biblischen Präzedenzfall dafür? Oder sollten wir Speisen selbst segnen? Manche Verse scheinen das nahezulegen.

Persönlich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass der Gedanke in der Bibel nicht zu finden ist. Ich finde es durchaus nicht dramatisch, wenn jemand so betet. In der Regel soll es wohl als eine Art Gebet verstanden werden. Ich sehe es auch nicht als meinen Auftrag an, jemanden deswegen zurechtzuweisen. Aber da ich das Thema in meiner Buchvorstellung zu Die Bergpredigt aus jüdischer Sicht angeschnitten habe, möchte ich meine Sichtweise hier begründen.

Drei Texte könnten dazu angeführt werden, dass die Segnung von Speisen biblisch ist. Auf diese möchte ich hier nacheinander eingehen.

1. Die Speisung der 5.000 / der 4.000

Alle vier Evangelien erwähnen die Speisung der 5.000 (Mt 14,14-21; Mk 6,35-44; Lk 9,12-17; Joh 6,5-13). Matthäus und Markus erwähnen zusätzlich die Speisung der 4.000 (Mt 15,32-38; Mk 8,1-9). In allen Versen geht dem Brechen (das nur Johannes nicht explizit erwähnt) eine andere Handlung voraus. Die rev. Elberfelder schreibt in vier Fällen, dass Jesus dankte. In Mk 8,6-7 ist allerdings von Danken und Segnen die Rede (er dankte für das Brot und segnete die Fische) und in Lk 9,16 schreibt die Elberfelder, dass Jesus die Brote und die Fische segnete. Der Grund ist nicht der, dass dem Griechischen unterschiedliche Worte zu Grunde liegen. Jedenfalls sind die Worte nicht die Ursache für die unterschiedliche Übersetzung. Vier Mal verwenden die Schreiber eulogeo, drei Mal eucharisteo. Die Übersetzer gehen aber davon aus, dass beide Begriffe synonym verwendet wurden. Warum klingen Mk 8,7 und Lk 9,16 anders als die übrigen Verse? Das liegt wohl daran, dass dem Wort (hier in beiden Fällen eulogeo) dort ein Objekt zugeordnet ist, nämlich sie (gr. autous bzw. auta) – gemeint sind natürlich die Fische (und das Brot). Fische und Brot kann man nicht danken. Aber man kann für sie danken. Meiner Ansicht nach ist letzteres Verständnis auch absolut naheliegend. Lukas und Markus beschreiben nicht eine andere Handlung als die übrigen Evangelisten, sondern die Gleiche. Ist das vom Griechischen her grammatikalisch möglich? Durchaus!1 Es ist viel sinnvoller, davon auszugehen, dass hier nicht gesegnet wird (was sich auch immer darunter vorstellen mag), sondern dass gedankt wird.

2. Das Abendmahl und das Mahl mit den Emmaus-Jüngern

In Mt 26,26f und Mk 14,22f wird jeweils übersetzt, dass Jesus das Brot beim Passahmahl segnete und für den Kelch dankte. In Lk 22,17 wird nur berichtet, dass Jesus für den Kelch dankte. Es wird aber wohl auch hier kein Unterschied gemacht. Beide Worte sind wie oben beschrieben gleichbedeutend und drücken das Gleiche aus: Jesus dankte.

In Lk 24,30 wird Jesus dann beschrieben, wie er das Brot segnete (hier ist übrigens vermutlich NICHT das Abendmahl im Blick, denn die Emmaus-Jünger waren nicht dabei und hätten sich so auch nicht daran erinnern können). Hier gilt allerdings im Grunde das Gleiche, das auch in Lk 9,16 gilt. Der Vers ist besser so zu verstehen, dass Jesus dankte.

3. Der Kelch den wir segnen

Schließlich schreibt Paulus in 1Kor 10,16: „Der Kelch des Segens, den wir segnen…“. Auch hier ist jedoch der Dank im Blick. Es wird kein Objekt gesegnet (auch nicht das Blut, für das der Kelch steht), es wird dafür gedankt (also für das, wofür es steht – dafür, dass Jesus sein Leben für uns hingab).2

Mein Fazit

Es gibt keinen Bibelvers, der mich davon überzeugt, dass es richtig ist, Essen zu segnen. Um Gottes Segen zu beten, ist zwar immer gut, aber warum speziell fürs Essen? Wenn es in dem Sinne gemeint ist, dass es unserem Körper gut tun soll, dann habe ich nichts einzuwenden. Aber in jedem Fall: Vergessen wir nicht zu Danken!

  1. Marshall (NIGTC zu Luke, S. 362) argumentiert, dass Danken statt segnen gemeint ist. Strauss (ZECNT zu Mark, S. 333) schreibt zu den beiden unterschiedlichen Worten in Mk 8,6-7: „The differences are stylistic, since ‚thanking’ and ‚blessing‘ are practically synonymous.“
  2. Siehe besonders Ciampa und Rosner (Pillar zu 1Kor, S. 472–475), aber auch Gardner (ZECNT zu 1Kor, S. 450) und Schnabel (HTA zu 1Kor, S. 549–550).

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