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Buchvorstellung: Die Bergpredigt aus jüdischer Sicht

Die Bergpredigt fasziniert mich schon seit langer Zeit. Vor kurzem hat Anatoli Uschomirski nun sein Buch Die Bergpredigt aus jüdischer Sicht verfasst. Ich kenne Anatoli seit meiner Zeit als Student an der Akademie für Weltmission. Ich erinnere mich gerne daran zurück, wie wir 2010 zusammen eine Kursarbeit über das Gesetz in der Apostelgeschichte schrieben. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber bereichernd war es in jedem Fall. Mir war schnell klar, dass ich dieses Buch lesen muss.

Der Aufbau

Das Buch ist keine durchgehende Auslegung der Bergpredigt, sondern setzt eigene Schwerpunkte. Es ist in drei Teile eingeteilt. Teil 1: Voraussetzungen für Jünger. Der Fokus liegt hier auf Mt 5,1-16. Es geht um die Eigenschaften und den Charakter der Nachfolger Jesus’. Teil 2: Die bessere Gerechtigkeit. Hier sind Mt 5,17-48 im Blick. Uschomirski betont die bleibende Gültigkeit des Gesetzes und die Kontinuität zwischen den Geboten Moses und den Worten Jesus’. Teil 3: Das Vaterunser. Hier wird das Gebet Jesus’ mit verschiedenen jüdischen Gebeten verglichen.

Stärken

Uschomirski versteht die Bergpredigt als „eine Art Betriebsanleitung für hingegebene Jünger Jesu.“ (S.16). Der Vergleich gefällt mir. Auf S. 99 schreibt Uschomirski: „Sowohl von meinen jüdischen als auch von meinen christlichen Lehrern habe ich eine der wichtigsten Regeln für die Bibelauslegung gelernt: Kontext, Kontext und noch mal Kontext!“ Den jüdischen Kontext stellt er insgesamt sehr gut dar. Mit vielen kleinen Geschichten und Zitaten fühlt man sich ins frühere Israel hineinversetzt. Etliche Auslegungen sind meiner Ansicht nach auch sehr zutreffend. Das gilt insbesondere für die Auslegung der sogenannten Antithesen (Mt 5,21-48). Interessant fand ich weiterhin den Exkurs zu jüdischen Essgewohnheiten. Ich konnte noch nie so richtig nachvollziehen, was Christen tun, wenn sie ihr Essen segnen und ich glaube die wenigsten Christen wissen selbst, was sie damit meinen. Uschomirski schreibt dazu (S.167):

Juden loben Gott dafür, dass er ihnen die Speise gegeben hat, und beten nicht dafür, dass er das Essen segnet, denn aus jüdischer Sicht ist alles Materielle schon von Gott gesegnet und braucht keinen zusätzlichen Segen. Im Gebet drücken Juden dem Herrn gegenüber ihre Dankbarkeit für seine Versorgung aus.

Die Bibelstellen, die scheinbar davon sprechen, dass man Essen segnet, kann man besser anders verstehen. Ein weiteres schönes Zitat (S.186):

Die jüdische Überlieferung sagt: Jeder Mensch sollte zwei Zettel in seiner Tasche tragen. Auf dem einen steht: ‚Du bist staub‘, auf dem anderen: ‚Für dich wurde diese wunderschöne Welt geschaffen.‘ Die Zettel muss man abwechselnd lesen, um zu einem gesunden geistigen Gleichgewicht zu kommen. Die ist wichtig, um weder überheblich noch mit Minderwertigkeitsgefühlen durchs Leben zu gehen.

Schwächen

Vier Aspekte halte ich persönlich für teilweise problematisch:

  1. Die schon im Titel suggerierte Trennung zwischen (messianischen) Juden und Christen halte ich für unangebracht. Juden behalten freilich ihre jüdische Identität wenn sie sich bekehren. Die jüdische Herkunft ist aber nicht mehr das, was sie primär auszeichnet. Sie werden eins mit Nicht-Juden, die an den Messias glauben. Warum sonst wurden zuerst Juden (Apg 11,19) Christen genannt (11,26)? Warum sonst sollte der Jude Paulus schreiben, dass er den Juden ein Jude wurde (1Kor 11,20), wenn er sich nicht zuerst durch etwas anderes definierte? Ich bin davon überzeugt, dass das jüdische Volk auch heute noch besondere Verheißungen hat, aber eine strikte Trennung halte ich für schwierig (siehe Eph 2,11-22).
  2. Der jüdische Kontext wird sehr schön dargestellt, dabei aber teilweise zu stark vereinfacht. Mehrfach finden sich Aussagen wie: „Die Jünger hatten sicherlich die folgenden Überlieferungen gehört…“. Die Mischna und besonders der Talmud wurden erst längere Zeit nach dem Wirken Jesus’ schriftlich festgehalten. Die Bekanntheit einzelner Zitate zu prüfen ist recht schwierig und für ein Gesamtbild liefert das Buch zu wenig Hintergrundinformationen.
  3. Manche Aussagen werden ohne große Begründung in den Raum gestellt, sind allerdings an sich recht umstritten. So z. B. die Aussage, dass das Original des Matthäusevangeliums auf Hebräisch geschrieben wurde (S.13). Das ist eine These, die diskutiert wird, aber umstritten ist sie dennoch.
  4. Teilweise wird die jüdische Tradition zu unreflektiert übernommen. So z. B. wenn Uschomirski von „zwei Trieben im Menschen jezer ha Tov und jezer ha Ra“ schreibt. „Der eine befähigt den Menschen zum Guten und spornt ihn dazu an, der andere zum Bösen. Der Mensch ist frei sich zu entscheiden, welchem Ruf er folgen will.“ (S.156). Sicher kann man sich die Aussage so zurechtbiegen, dass sie Wieder zum biblischen Menschenbild passt, aber im Grunde ist so eine Aussage doch sehr zweifelhaft.

Fazit

Ein spannendes Buch, bei dem man einiges lernen kann. Es hat gar nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Für die Auslegung der Bergpredigt würde ich empfehlen, parallel einen Kommentar zu lesen. Mit John Stotts Die Botschaft der Bergpredigt ist man beispielsweise bestens bedient (leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich). Uschomirskis Buch liefert allerdings frische Einblicke aus einer Perspektive, die wir keinesfalls übersehen sollten. Der Evangeliumsdienst für Israel hat übrigens gerade gestern damit begonnen, eine 15-teilige Vortragsreihe über das Matthäusevangelium aus jüdischer Sicht von Anatoli Uschomirski kostenlos bereitzustellen.

Ich danke dem SCM Verlag für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars. Meine Bewertung hat das nicht beeinflusst. Das Buch kann man auch direkt über den Verlag bestellen.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. […] Anatoli Uschomirski schreibt als messianisch-jüdischer Pastor und Leiter über die Bedeutung der bekanntesten Rede Jesus’: die Bergpredigt. Der Leser wird mitgenommen in die jüdische Geschichte und Kultur. Es gibt viele passende Zitate aus der Mischna, dem Talmud und verschiedenen Autoren. Uschomirski legt nicht jeden Vers der Bergpredigt aus, sondern setzt eigene Schwerpunkte. Es geht hauptsächlich um Kap. 5 und um das Vater Unser aus Kap. 6. Nicht jedem Satz würde ich persönlich zustimmen, aber wer sich für die Bergpredigt interessiert, sollte dieses Buch gelesen haben. Meine ausführliche Buchvorstellung ist hier zu finden. […]

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