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Zwei Warnungen für biblische Wortstudien

Wortstudien können vieles zum Verständnis eines biblischen Textes beitragen. Sie bergen aber auch einige Gefahren.

Letzte Woche habe ich hier das neue Buch von Joel White vorgestellt: Was sich Gott dabei gedacht hat – die biblische Basis einer christlichen Sexualität. Neben einer gründlichen Abhandlung des eigentlichen Themas bietet es auch viele gute Einsichten in die Auslegung von Bibeltexten. Im Folgenden zwei Passagen, die ich mir markiert habe.

Die Sache mit der Wortherkunft

In Kap. 1 schreibt er über Grundlegendes zur christlichen Sexualethik. Dazu gehört auch eine gründliche Bibelauslegung. Auf S.36 schreibt er in diesem Zusammenhang über die zeitgenössische Wortbedeutung:

Es ist wichtig zu beachten, dass einzig und allein die zum Zeitpunkt des Autors vorherrschende Bedeutung eines Wortes für die Auslegung biblischer Texte von Belang ist. Die Herkunft eines Wortes bzw. sein sprachlicher Werdegang ist dafür unerheblich. Es kommt häufig vor, dass sie die Bedeutung eines Wortes im Laufe der Zeit verändert. Darüber gibt die »Etymologie« Auskunft. Sie bietet oft faszinierende Einsichten, die aber für die korrekte Deutung eines Wortes im zeitgenössischen Gebrauch unwichtig sind. Das Wort »Beute« bedeutete zum Beispiel früher einen Bienenstock. Wer darauf besteht, dass es heutzutage so verstanden werden muss, wird bald merken, dass keiner ihn versteht (außer unter Imkern, bei denen es als Fachbegriff noch geläufig ist). Sagt er einem Gast: »Dieser Honig kommt direkt aus der Beute«, wird er merken, dass sich jener an den Kopf greift. […] Bis heute stört es viele ältere Gemeindemitglieder, dass Jugendliche etwa einen Gottesdienst als [geil] beschreiben.1 Für sie heißt »geil« nur »sexuell stimulierend« und keineswegs »großartig«. Aber selbst sie würden gegebenenfalls sagen, sie fanden den Gottesdienst »toll«, was wiederum ihre Großeltern, für die das Wort »tollwütig« bedeutete, vermutlich gestört hätte.

Joel White

Unberechtigte Identitätsübertragung

In Kap. 6 schreibt White über Singlesein als Berufung. In 1Kor 7,7 nennt Paulus das Singlesein selbst eine Gnadengabe. Wichtig ist für White, dass dieser Begriff richtig verstanden wird. Dazu schreibt er auf S.151:

Man darf nicht davon ausgehen, dass überall dort, wo das griechische Wort charisma im Neuen Testament vorkommt, immer das Gleiche gemeint ist. Das wäre, als ob man im Deutschen beim Vorkommen des Wortes „Gift“ nur eine Bedeutung zulässt und auch »Mitgift« in dieses Schema pressen wollte. Oder als ob man behauptet, dass »Stuhl« überall das Gleiche bedeutet, und darauf beharrt, dass mit »Stuhlprobe« das Vergleichen von verschiedenen Sitzgelegenheiten gemeint sein muss!

Joel White

Singlesein ist für White keine Gnadengabe im Sinne einer Fähigkeit, bei der man herausfinden muss, ob man sie besitzt oder eben nicht. Es geht um den Stand, in dem man sich befindet, und der sollte bei den allermeisten ziemlich eindeutig sein.

Leseempfehlung

An dieser Stelle noch einmal eine herzliche Leseempfehlung. Wer mehr über das biblische Verständnis gesunder Sexualität herausfinden möchte, ist sehr gut bedient – und wird nebenbei noch vieles mehr lernen.

  1. Zugegeben, ich fände den Begriff in diesem Zusammenhang auch eher unpassend, aber vielleicht gehöre ich auch schon zu den Älteren. 😉

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