Wenn das Messbare wichtiger wird als das Wesentliche

Zahlen, Berichte und Organisation sind wichtig. Aber sie sind nicht das Herz der Gemeinde. Eugene Petersons frühe Jahre als Pastor erinnern daran, worauf geistliche Leitung wirklich ausgerichtet sein muss.

Geistliche Leiter müssen vieles im Blick behalten: Zahlen, Termine, Finanzen, Strukturen, Programme und Verantwortlichkeiten. All das ist wichtig. Aber gerade weil es wichtig ist, kann es leicht zu wichtig werden.

Zurzeit lese ich A Burning in My Bones (Affiliate-Link), die autorisierte Biographie über Eugene Peterson von Winn Collier. Peterson wurde später vor allem als Autor der Bibelübersetzung The Message und seines Buches A Long Obedience in the Same Direction bekannt. Besonders spannend finde ich die Einblicke in seine frühen Jahre als Pastor.

Eine Episode aus seinen ersten Dienstjahren ist mir besonders hängen geblieben. Sie handelt von einem dicken Ordner voller Strategien und von Berichten, die offenbar niemand gelesen hat. Auf den ersten Blick sind das nur zwei kuriose Geschichten. Tatsächlich beschreiben sie aber eine Gefahr, die bis heute vertraut ist.

Die Verheißung des Ordners

Als Peterson mit einer Gemeindegründung begann, erhielt er von seiner kirchlichen Bereichsleitung einen umfangreichen Ordner. Darin fand sich alles, was man für den Aufbau einer Gemeinde zu brauchen schien: Wie man Ausschüsse organisiert, einen Kalender erstellt, ein Budget verwaltet oder evangelistische Strategien umsetzt.

Collier beschreibt die „Verheißung des Ordners“ sinngemäß so: Für jedes Problem gibt es irgendwo im Register die passende Anleitung.

Natürlich ist daran nicht alles falsch, denn Gemeinde braucht Organisation. Termine müssen geplant, Finanzen geordnet und Verantwortlichkeiten geklärt werden. Wer das gering schätzt, wird einer Gemeinde nicht gut dienen.

Und doch spürte Peterson, dass etwas Grundlegendes nicht stimmte. Gott spielte in diesem Ordner kaum eine Rolle. Nicht das Kreuz. Nicht die Auferstehung. Nicht das lebendige Wirken des Heiligen Geistes. Gemeinde erschien vor allem als organisatorische Aufgabe, die mit den richtigen Methoden zu bewältigen sei.

Als niemand die Berichte las

Noch deutlicher wird diese Spannung bei den monatlichen Berichten, die Peterson schreiben musste.

Die erste Seite fragte nach Besucherzahlen, Finanzen, Gebäudefragen und Ausschüssen. Die folgenden Seiten boten Raum für Fragen nach seinem Dienst, seinen Kämpfen und danach, was Gott in der Gemeinde tat.

Monat für Monat füllte Peterson diese Berichte aus. Monat für Monat erhielt er keine Rückmeldung. Schließlich begann er zu experimentieren. Er schrieb immer absurdere Geschichten in seine Berichte: persönliche Krisen, moralische Zusammenbrüche und groteske Vorfälle im Gemeindeleben.

Nichts geschah.

Niemand meldete sich. Niemand fragte nach. Offenbar las niemand über die erste Seite hinaus, auf der die Statistiken erfasst wurden.

Die Verantwortlichen interessierten sich für seine Arbeit, aber kaum für ihn als Hirten.

Das eigentliche Problem

Diese Episode spielt in den 1960er Jahren, doch die dahinterliegende Versuchung ist zeitlos.

Wir stehen alle in der Gefahr, geistlichen Erfolg vor allem an dem zu messen, was sich zählen und auswerten lässt.

Besucherzahlen, Finanzen, Strukturen, Programme, Dienstpläne und Strategien sind nicht unwichtig. Aber sie sind nicht das Herz der Gemeinde.

Das Herz der Gemeinde ist Christus selbst. Sein Evangelium. Sein Wort. Sein Geist. Und die Menschen, die er durch all das formt, tröstet, überführt, trägt und verändert.

Der Ordner und die Berichte erzählen letztlich dieselbe Geschichte. Der Ordner vermittelte den Eindruck, dass Gemeinde mit den richtigen Methoden aufgebaut werden könne. Die Berichte zeigten, wohin diese Denkweise führen kann: Man misst, was leicht messbar ist, und verliert dabei leicht aus dem Blick, was wirklich zählt. Genau an dieser Stelle können gute Mittel unbemerkt zum Zweck werden.

Eine kleine Karteikarte

Gerade deshalb ist Petersons eigene Praxis so bemerkenswert.

Während die Kirchenleitung nach Zahlen und Berichten fragte, schrieb Peterson jede Woche drei Namen auf eine kleine Karteikarte. Diese stellte er auf seinen Schreibtisch. Für diese Menschen betete er. Ihre Geschichten wollte er kennenlernen. Ihnen wollte er als Hirte dienen.

Diese Karteikarte ist kein romantischer Gegenentwurf zu guter Leitung. Sie erinnert vielmehr daran, wozu Leitung eigentlich dient.

Organisation soll der Gemeinde helfen, geistlich zu leben. Sie darf aber nie zum Ersatz für geistliches Leben werden.

Wir brauchen deshalb beides: gute „Ordner“ und kleine Gebetskarten. Klare Strukturen und ein echtes Hirtenherz. Verantwortliche Planung und das tiefe Bewusstsein, dass Gemeinde nicht durch Methoden entsteht, sondern durch Gottes Wirken.

Die Frage ist deshalb nicht, ob wir planen, zählen und organisieren dürfen. Entscheidend ist, welche Rolle diese Dinge einnehmen.

Gemeinde braucht gute Organisation. Aber davon lebt sie nicht. Sie lebt von Christus.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erinnerungen für geistliche Leiter: Wir dürfen das Messbare ernst nehmen. Aber wir dürfen es niemals mit dem Wesentlichen verwechseln.

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