Gemeindeleiter tragen Verantwortung für die geistliche Gesundheit anderer. Doch wer achtet auf ihre eigene? Wer weiß, wo sie müde, verunsichert oder überfordert sind? Mit wem können sie über Zweifel, Versuchungen und Versagen sprechen?
Genau hier setzt Paul David Tripp mit Leiten: 12 Prinzipien des Evangeliums für Leiterschaft in der Gemeinde an. Er fragt nicht nur, wie Gemeindeleiter ihre Aufgabe gut erfüllen können. Ihm geht es vor allem darum, wie das Evangelium ihren Charakter und ihre Beziehungen untereinander prägt.
Das Evangelium als Leitungsprinzip
Die zwölf Kapitel behandeln Themen wie Erfolg, Grenzen, Gleichgewicht, Charakter, Offenheit und Wiederherstellung. Damit ist Leiten kein Handbuch für effizientere Sitzungen, sondern eine seelsorgerliche Hilfe für Leiter, die ihr eigenes Herz und ihre Gemeinschaft miteinander prüfen wollen. Fähigkeiten, Strukturen und Strategien sind für Tripp nicht unwichtig. Aber geistliche Leitung braucht mehr als Begabung; sie setzt einen geistlich gesunden Charakter voraus. Auch Erfahrung, Bibelkenntnis oder sichtbarer Erfolg machen einen Leiter nicht unabhängig von der Fürsorge anderer Christen.
Tripp schreibt sehr persönlich. Seine zahlreichen Beispiele spiegeln seine langjährige Diensterfahrung und seine Begegnungen mit Gemeindeleitern wider. Zugleich spricht er offen über eigene Kämpfe und Grenzen. Dadurch wirkt das Buch nicht wie eine Abrechnung mit gescheiterten Leitern, sondern wie die Begleitung eines erfahrenen Seelsorgers, der die Gemeinde liebt und gerade deshalb schwierige Fragen stellt.
Sechs Merkmale eines gesunden Leitungskreises
Bereits in der Einführung nennt Tripp sechs Merkmale, die einen vom Evangelium geprägten Leitungskreis kennzeichnen sollen:
- Demut: Leiter bleiben lernbereit und korrekturfähig, weil sie Stellung, Einfluss und Gaben nicht sich selbst verdanken.
- Abhängigkeit: Jeder Leiter muss selbst geleitet werden, und jeder Hirte braucht selbst einen Hirten.
- Geplante Spontaneität: Der ungewöhnlich klingende Begriff meint, dass ein Leitungskreis vorab klärt, wie er mit Sünde und Versagen umgehen will – auch wenn sich nicht planen lässt, was konkret ans Licht kommen wird.
- Prüfung: Leiter gewähren anderen einen tieferen Einblick in ihr Leben und verlassen sich nicht allein auf ihre eigene Wahrnehmung.
- Schutz: Die Leiter kennen die besonderen Versuchungen und Schwachstellen der anderen und achten aufeinander, bevor daraus eine offene Krise wird.
- Wiederherstellung: Sünde wird nicht verharmlost. Zugleich wird ein Mensch nicht auf seinen schlimmsten Augenblick reduziert.
Diese sechs Merkmale bilden das Grundgerüst des Buches. Gemeindeleitung ist für Tripp eine Gemeinschaft bedürftiger Menschen, die einander helfen, unter der Gnade Christi zu leben und treu zu dienen.
Die Tragödie frommer Fassaden
Das stärkste Thema des Buches ist für mich die Offenheit, die Tripp besonders in Kapitel 8 behandelt und bereits im Kapitel über das Evangelium (Kap. 2) vorbereitet. Leiter sollten über ihre Nöte, Ängste, Zweifel und Versuchungen sprechen können – nicht erst dann, wenn eine Krise nicht mehr zu verbergen ist.
Gerade im Leitungskreis kann eine fromme Fassade lange bestehen bleiben. Man spricht über Predigten, Veranstaltungen, Personalfragen, Finanzen und strategische Entscheidungen. Vielleicht betet man zu Beginn und am Ende der Sitzung. Trotzdem kann ein Leiter mit seinen tiefsten Kämpfen allein bleiben. Weil von ihm Stärke, Klarheit und geistliche Reife erwartet werden, wird es mit der Zeit immer schwieriger, Schwäche einzugestehen.
Wenn ein Leiter schließlich geistlich oder moralisch Schiffbruch erleidet, wirkt das oft wie ein plötzlicher Absturz. Tripp fragt dann nicht nur, was dieser Leiter getan hat. Er fragt auch, ob die anderen Leiter ihn wirklich kannten und ob ihre Gemeinschaft Raum für ehrliche Gespräche geboten hat. Damit wird die persönliche Verantwortung des Einzelnen nicht aufgehoben. Aber ein Leitungskreis sollte prüfen, ob seine eigene Kultur Offenheit gefördert oder erschwert hat.
Gerade das Evangelium macht solche Ehrlichkeit möglich. Wer von der Gnade Christi lebt, muss weder seine Sünde leugnen noch seine Schwäche schönreden. Offenheit bedeutet nicht, jede persönliche Regung vor jedem Menschen auszubreiten. Im Leitungskreis sollte es aber vertrauensvolle Beziehungen geben, in denen keiner ein geistliches Doppelleben führen muss.
Wiederherstellung statt bloßer Schadensbegrenzung
Eng damit verbunden ist das Thema der Wiederherstellung. Auch Kapitel 10 gehört für mich zu den stärksten des Buches. Wenn ein Leiter scheitert, drehen sich die ersten Fragen verständlicherweise um die Folgen: Wer wurde verletzt? Welche Verantwortung muss der Betroffene abgeben? Wie kann die Gemeinde geschützt werden?
Tripp verharmlost weder Sünde noch ihre Folgen. Er weist auch darauf hin, dass nicht jeder gefallene Leiter wieder eine Leitungsaufgabe übernehmen sollte. Trotzdem darf der Dienst nicht wichtiger werden als der Mensch. Ein Leitungskreis sollte nicht nur den Schaden begrenzen und die entstandene Lücke füllen. Er sollte auch überlegen, wie er dem gefallenen Bruder seelsorgerlich dienen und ihn – soweit möglich – auf einem Weg echter Umkehr begleiten kann.
Gnade bedeutet nicht, Konsequenzen abzuschaffen. Sie bedeutet aber, dass Versagen nicht zwangsläufig das letzte Wort über einen Menschen behält.
Erfolg und geistliche Gesundheit
Daneben behandelt Tripp weitere Themen, die für einen gesunden Leitungsdienst wichtig sind. Er warnt vor einem falschen Umgang mit Erfolg. Wachstum, Einfluss und sichtbare Frucht können Leiter schleichend verändern. Planung nimmt dann den Platz des Gebets ein, Menschen werden zu Mitteln für eine Vision und Produktivität wird wichtiger als geistliche Gesundheit.
Ebenso hilfreich sind seine Gedanken zu Grenzen und Gleichgewicht. Zeit, Kraft und emotionale Belastbarkeit sind begrenzt. Wer das dauerhaft ignoriert, beweist damit nicht besondere Hingabe, sondern gefährdet sich selbst, seine Familie und seinen Dienst. Ruhephasen und körperliche Gesundheit gehören deshalb zu geistlich verantwortlicher Leiterschaft.
Grenzen des Buches
Der Beginn des Buches war mir stellenweise etwas zu voll. Im ersten Kapitel listet Tripp ausführlich neun Anzeichen dafür auf, dass Erfolg zu einer geistlichen Gefahr geworden ist. Dabei kann der rote Faden hinter der Fülle einzelner Beobachtungen verschwinden.
In den folgenden Kapiteln konzentriert sich Tripp stärker auf wenige zentrale Aussagen. Einige Themen überschneiden sich: Demut, Abhängigkeit, Offenheit, Schutz und Wiederherstellung kehren aus verschiedenen Blickwinkeln wieder. Bei einem sachlichen Lehrbuch könnte das stören. Zu Tripps seelsorgerlichem Ansatz passt es jedoch. Die Wiederholungen geben Raum, unbequeme Gedanken nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern tiefer an sich wirken zu lassen.
Gewünscht hätte ich mir allerdings einen knappen Gesprächsleitfaden. Die Kapitel enthalten so viele gute Reflexionsfragen, dass eine Gruppe leicht den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Zwei oder drei zentrale Leitfragen pro Kapitel hätten die gemeinsame Lektüre erleichtert.
Am besten gemeinsam lesen
Man kann Leiten mit großem Gewinn allein lesen und damit das eigene Leben und den eigenen Dienst reflektieren. Sein volles Potenzial entfaltet das Buch meiner Ansicht nach jedoch in einem Leitungskreis. Für diesen Kontext ist es geschrieben.
Die gemeinsame Lektüre kann dazu beitragen, aus einem Leitungskreis mehr als ein Arbeitsgremium zu machen und ehrliche christliche Gemeinschaft zu fördern.
Eine Gruppe könnte für jedes Treffen ein Kapitel vorbereiten und anschließend nur die Fragen auswählen, die für ihre Situation besonders wichtig sind. Entscheidend ist, dass daraus nicht nur eine Diskussion über Leiterschaft entsteht. Die Leiter sollten bereit sein, über sich selbst und ihre Beziehungen zu sprechen.
Bis auf die genannten Grenzen ist Leiten eines der stärksten Bücher über Leiterschaft, die ich kenne. Andere Bücher behandeln Strukturen, Strategien oder einzelne Leitungsfähigkeiten vielleicht systematischer. Doch kaum ein anderes mir bekanntes Buch spricht so eindringlich über Offenheit und Ehrlichkeit in der Dienstgemeinschaft von Leitern.
Tripp stellt damit eine einfache, aber unbequeme Frage: Sind wir nur eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam eine Gemeinde leitet? Oder sind wir eine vom Evangelium geprägte Gemeinschaft, in der auch die Leiter selbst seelsorgerlich begleitet, geschützt, korrigiert und – wenn nötig – wiederhergestellt werden?
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