KI als Trainer statt als Orakel

KI liefert schnelle Antworten. Doch sie kann auch unser eigenes Denken herausfordern. Fünf Wege, wie wir KI als Trainer statt als Orakel nutzen können.

Die meisten von uns nutzen KI nach demselben Muster: Wir stellen eine Frage und erwarten eine Antwort. Russell Moore beschreibt in seinem Gespräch mit David Brooks, dass er den Ablauf manchmal umkehrt. Er bittet die KI, ihm Fragen zu stellen. Sie soll ihm nicht sagen, was er denkt, sondern ihm helfen, seine eigenen Gedanken zu klären.

Diese einfache Umkehrung ist mir im Gedächtnis geblieben. Wir beschäftigen uns ausführlich damit, wie wir einer KI möglichst gute Anweisungen geben – wie wir sie prompten können. Vielleicht sollten wir häufiger fragen: Wie kann die KI mich prompten? Wie kann sie mich zum Denken bringen, statt mir das Denken abzunehmen?

In meinem Newsletter vom Juli habe ich David Brooks’ Atlantic-Artikel The People Who Will Thrive in the AI Age kurz vorgestellt (der Atlantic-Artikel ist inzwischen leider nicht mehr vollständig frei zugänglich). Brooks erklärt seine Gedanken aber auch in der Podcastfolge David Brooks on Thriving in the AI Age. Moore hat sie anschließend in Your Brain Does Not Belong to You aus christlicher Perspektive weitergeführt.

In meinem Beitrag „KI ohne Hype: Was wir nicht delegieren dürfen“ habe ich grundsätzlich gefragt, welche Aufgaben wir nicht an eine KI abgeben sollten. Diesmal geht es um den praktischen nächsten Schritt: Wie können wir KI so nutzen, dass sie unser Denken unterstützt, statt es zu ersetzen?

Die Verführung der fertigen Antwort

Das Problem beginnt nicht erst dort, wo eine KI falsche Informationen liefert. Auch eine richtige und gut formulierte Antwort kann problematisch sein, wenn sie einen Denkprozess ersetzt, den wir selbst hätten durchlaufen müssen. Wir haben dann zwar ein Ergebnis, verstehen die Sache aber nicht unbedingt. Vielleicht können wir die Antwort wiedergeben, aber nicht begründen. Wir erkennen nicht, wo ihre Schwächen liegen oder welche Voraussetzungen in ihr stecken.

Brooks unterscheidet drei mögliche Arten des Umgangs mit KI. Manche Menschen nutzen sie bereitwillig, um weniger selbst denken zu müssen. Andere möchten ihre Selbstständigkeit bewahren, greifen unter Zeitdruck aber zunehmend doch auf fertige Antworten zurück. Eine dritte Gruppe verwendet KI bewusst so, dass sie das eigene Denken unterstützt und herausfordert.

Entscheidend ist für Brooks deshalb nicht nur, wie intelligent ein Mensch ist. Entscheidend ist vor allem, ob jemand bereit ist, sich geistig anzustrengen.

Das bedeutet nicht, dass jede Aufgabe unnötig kompliziert bleiben muss. KI darf Routinen vereinfachen, Informationen ordnen oder einen Text sprachlich glätten. Manche Fähigkeiten entstehen jedoch nur, wenn wir eine gewisse Ratlosigkeit aushalten, Fehler machen und einen Gedanken noch einmal neu beginnen. Wer eine Position gegen Einwände verteidigen muss, entdeckt, ob er sie wirklich verstanden oder bisher nur übernommen hat.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht einfach: Arbeite ich mit oder ohne KI? Wichtiger ist: Handelt es sich um eine reine Routineaufgabe – oder um eine Arbeit, bei der ich gerade durch die eigene Auseinandersetzung etwas lerne?

Vom Orakel zum Trainer

Russell Moore beschreibt im Gespräch mit Brooks eine interessante Nutzungsmöglichkeit. Wenn er über ein Thema nachdenkt, bittet er eine KI mitunter nicht um eine fertige Antwort. Stattdessen lässt er sich von ihr Fragen stellen.

Das ähnelt einem guten Lehrer. Er nimmt einem Schüler das Denken nicht ab, sondern stellt Fragen, weist auf eine übersehene Schwierigkeit hin und gibt an der richtigen Stelle einen Hinweis. Die eigentliche gedankliche Arbeit bleibt beim Schüler.

Daraus ergeben sich zwei sehr unterschiedliche Arten, mit KI zu arbeiten:

KI als Orakel KI als Trainer
liefert eine fertige Antwort stellt weiterführende Fragen
schreibt den ersten Entwurf an unserer Stelle prüft einen Entwurf, den wir selbst geschrieben haben
verdichtet unterschiedliche Positionen zu einer glatten Antwort macht Unterschiede und mögliche Einwände sichtbar
beendet das Nachdenken gibt Anstöße zum Weiterdenken

Auch als Trainer bleibt KI fehleranfällig. Prüfen und urteilen müssen wir weiterhin selbst.

Fünf Wege, KI als Trainer zu nutzen

1. Zuerst selbst anfangen

Bevor wir eine KI befragen, sollten wir unsere eigenen Beobachtungen, Fragen und ersten Schlussfolgerungen festhalten. Das muss noch kein ausgereifter Entwurf sein. Oft genügen einige ungeordnete Gedanken.

Erst danach kommt die KI hinzu – nicht mit dem Auftrag, den Text zu ersetzen, sondern ihn zu prüfen:

Hier ist mein bisheriger Gedankengang. Welche Voraussetzungen habe ich nicht begründet? Wo sind Sprünge in meiner Argumentation? Bitte überarbeite den Text nicht, sondern nenne mir nur die Punkte, über die ich weiter nachdenken sollte.

2. Um Fragen statt um Antworten bitten

Wenn wir eine ungefähre Überzeugung haben, aber noch nicht klar ausdrücken können, warum wir sie vertreten, kann die KI das Gespräch strukturieren:

Stelle mir nacheinander fünf Fragen, die mir helfen, meine Position zu diesem Thema zu klären. Stelle immer nur eine Frage und reagiere mit der nächsten auf meine Antwort. Formuliere am Ende keine eigene Position.

3. Hinweise statt Lösungen verlangen

Wenn wir feststecken, müssen wir nicht sofort die vollständige Lösung anfordern. Ein kleiner Hinweis kann genügen, um selbst den nächsten Schritt zu erkennen:

Gib mir noch keine Lösung. Nenne mir nur eine mögliche Richtung oder eine Frage, die mir beim nächsten Schritt helfen könnte.

4. Das eigene Denken prüfen lassen

KI-Systeme neigen häufig dazu, dem Nutzer zuzustimmen. Deshalb sollten wir sie ausdrücklich um Widerspruch bitten:

Formuliere das stärkste sachliche Gegenargument zu meiner Position. Zeige anschließend, auf welchen Punkt ich antworten müsste, damit meine Argumentation überzeugend bleibt.

5. Nach Denkern und Quellen fragen

Brooks nutzt KI gern wie einen Bibliothekar. Er fragt nicht einfach, was er über ein Thema denken soll, sondern welche Autoren, Bücher und unterschiedlichen Positionen ihm bei der eigenen Beschäftigung helfen könnten.

Im besten Fall lesen wir die wichtigsten genannten Quellen anschließend selbst. Zumindest zentrale Angaben müssen überprüft werden, denn KI kann Titel erfinden, Positionen vereinfachen oder Autoren ungenau wiedergeben. So kann sie uns den Einstieg in ein Thema erleichtern, anstatt sie zu ersetzen.

Unser Denken dient nicht nur uns selbst

Russell Moore gibt diesen Überlegungen eine christliche Vertiefung. Unser Denken ist nicht bloß eine persönliche Ressource, mit der wir produktiver und erfolgreicher werden können.

Paulus fordert Christen in Römer 12 zur Erneuerung ihres Denkens auf. Dazu gehören nicht nur Informationen oder intellektuelle Fähigkeiten. Auch unsere Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft, Wünsche und unser Urteilsvermögen werden davon berührt.

Diese Fähigkeiten sind uns anvertraut. Wir benötigen sie, um anderen Menschen zuzuhören, biblische Texte sorgfältig zu lesen, gute Entscheidungen zu treffen und verantwortlich von unserem Glauben zu sprechen.

Daraus folgt kein starres Verbot bestimmter KI-Anwendungen. Entscheidend ist vielmehr, welche Gewohnheiten durch ihre Nutzung entstehen. Macht uns das Werkzeug aufmerksamer, sorgfältiger und urteilsfähiger? Oder suchen wir für jede Unsicherheit sofort eine fertige Antwort?

Eine einfache Prüffrage

Nach dem Einsatz einer KI sollten wir uns fragen:

Kann ich jetzt besser selbst weiterdenken – oder besitze ich lediglich schneller ein Ergebnis?

Kann ich die Antwort mit eigenen Worten erklären und begründen? Hat die KI meine Aufmerksamkeit auf eine wichtige Frage gelenkt oder mein Nachdenken möglichst schnell beendet?

Vielleicht ist das die bessere Zukunft für den Umgang mit KI: nicht als Orakel, das uns sagt, was wir denken sollen, sondern als Trainer, der uns auffordert, genauer hinzusehen und selbst weiterzudenken.


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