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Die Kunst, Ereignisse vorherzusagen – und was wir davon lernen können

In den letzten Wochen war es relativ ruhig auf meinem Blog. Das hing im Wesentlichen mit der Urlaubszeit zusammen. In der Zwischenzeit habe ich aber mal wieder ein paar gute Bücher gelesen. Zwei davon (Think Again und Superforcasting) vermitteln die Kunst, Ereignisse vorherzusagen. Nein, es geht hier nicht um moderne Prophetie. Aber es geht um etwas unglaublich faszinierendes. Es geht um kritisches Denken. Das kann uns dabei helfen, die Welt um uns herum besser zu verstehen und bessere Entscheidungen zu treffen. Und ich bin davon überzeugt, dass es uns auch zu bessere Theologen macht.

Was sind Superprognostiker?

Superprognostiker (engl. superforecaster) sind Menschen, die Ereignisse oft zutreffend voraussagen können. Es geht dabei nicht um Kaffeesatzleserei. Auch nicht um eine hundertprozentige Trefferquote. Es geht darum, in Wahrscheinlichkeiten zu denken.

Auch die besten Berater und die cleversten Geheimdienste scheitern regelmäßig daran, Entwicklungen zutreffend vorauszusagen. Das haben wir erst kürzlich bei der Afghanistan-Krise erlebt. Manchmal geschehen tatsächlich Ereignisse, die unglaublich unwahrscheinlich sind. Oft kann man aber doch gewisse Entwicklungen erkennen, je mehr man sich mit einer Sache beschäftigt. Und das natürlich umso besser, je mehr Informationen man zur Verfügung hat. Wer 2042 Bundeskanzler sein wird, kann man kaum vorhersehen. Für 2022 sind gewisse Tendenzen schon zu erkennen.

Superprognostiker sind interessanterweise häufig NICHT die Experten auf einem bestimmten Gebiet. Es sind ganz normale Menschen, die bestimmte Eigenschaften verbinden. Drei Dinge sind mir dabei besonders hängen geblieben.

1. Superprognostiker haben eine gesunde Distanz zur Materie

Experten auf einem Gebiet haben häufig ein klares Bild von einer Sache und sind in ihrer Beurteilung ziemlich selbstsicher. Deshalb sind sie emotional gebunden und tendieren dazu, Argumente zu übersehen, die ihrer Sicht widersprechen. Superprognostiker sind weniger emotional gebunden und können eine Sache deshalb neutraler beurteilen.

Ich denke nicht, dass wir als Christen völlig emotionsfrei mit biblischer Lehre umgehen sollten. Wir sollten uns aber auch nicht zu sehr an unsere theologischen Systeme hängen. Wenn wir über Endzeitmodelle, den richtige Modus der Taufe oder Geistesgaben nachdenken, sollten wir das mit einer gesunden Distanz tun. Nur dann können wir dahin kommen, unser Verständnis auch mal hinterfragen zu können. Wir fordern das häufig von anderen. Aber tun wir das selbst?

2. Superprognostiker wägen Argumente gegeneinander ab

In Diskussionen werden häufig die Argumente genannt, die die eigene Meinung unterstützen. Die anderen werden wegdiskutiert. Das schadet mehr als es nützt. Superprognostiker haben es gelernt, Argumente gegeneinander abzuwägen. Sie sehen auch die Argumente, die ihre eigene Position schwächen. In Diskussionen mit anderen sind sie nicht zuerst darauf aus, den anderen zu überzeugen, sondern von ihm zu lernen.

Mich wundert es regelmäßig, dass ich bei Büchern zu umstrittenen Lehrthemen häufig fast nur 1- oder 5-Sterne-Rezensionen finde (siehe z. B. hier). Beurteilen wir ein Buch danach, wie stark es unsere Position unterstützt oder danach, wie gut die Argumente sind? Die Menschen, die die stärksten Positionen vertreten, haben häufig am wenigsten darüber nachgedacht. Wer es gelernt hat, auch die Schwachstellen der eigenen Position zu nennen (ohne diese sofort zu relativieren), der hat viel verstanden.

3. Superprognostiker lernen aus ihren Fehlern

Wie alle anderen Menschen liegen Superprognostiker gelegentlich falsch in ihrer Beurteilung. Sie geben das dann allerdings nicht zähneknirschend zu. Stattdessen freuen sie sich darüber, etwas gelernt zu haben.

Irrtümer im Bibelverständnis sind nicht so offensichtlich wie Irrtümer bei Vorhersagen von Ereignissen. Aber wir sollten offen dafür sein, unsere Sichtweisen zu überprüfen. Und wenn wir merken, dass unsere Position in einer Sache nicht so gut belegt ist, wie wir das immer dachten, dann sollten wir sie tatsächlich überdenken. Das geht natürlich nur dann, wenn wir auch mal Bücher lesen, die unser Lehrgebäude hinterfragen.

Mein Fazit

Wir neigen dazu, nur die Argumente zu berücksichtigen, die unsere Position bestärken. Aktuell klingt das z. B. so: „die Sache mit Corona ist ganz einfach…“. Oder: „als Christ kann man nur XY wählen…“. Und in evangelikalen Gemeinden werden abweichende Lehrpositionen manchmal als völlig abwegig dargestellt. Wir alle können hier von Superprognostikern lernen. Im Grunde geht es tatsächlich um kritisches Denken.

Wer mehr über Superforcasting und die Kunst des kritischen Denkens erfahren möchte, dem empfehle ich besonders Think Again von Herzen. Superforecasting gibt es dagegen sogar in einer deutschen Übersetzung. Allerdings ist es nur noch für den Kindle erhältlich. Es gibt übrigens auch eine frei zugängliche Internet-Plattform, auf der man das Ganze praktizieren kann: https://www.gjopen.com/. Seit ein paar Wochen bin ich gelegentlich dort zu finden. 😉

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