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Buchvorstellung: Tänzer und Stolperer

Der Aufbau

„Stimmt’s mit dem Menschen, dann stimmt’s auch mit der Welt.“ Das ist die These des Buches von Bernhard Ott. Das Leben mit Gott vergleicht er mit einem Tanz. Durch den Sündenfall hat es der Mensch verlernt, nach der Grundmelodie Gottes zu tanzen und tanzt nun nach einer anderen Melodie. Gottes Ziel für den Menschen ist es, dass er wieder lernt, auf Gott zu hören und nach seiner Melodie zu tanzen. Durch Charakterformung und das erlernen von Tugenden soll er wieder zu dem Menschen werden, den Gott sich gedacht hatte. In drei Schritten führt Ott den Leser durch das Buch. In Teil 1 (Wahrnehmungen) stellt er drei Theologen vor, die dem Wert der Charakterformung einen besonderen Wert beimaßen: Christoph Stückelberg, Martin Buber und Dietrich Bonhoeffer. In Teil 2 (Klärung) stellt er die biblische Story (Heilsgeschichte) in groben Zügen dar und mündet in einer Auslegung der Bergpredigt. In Teil 3 (Konsequenzen) kommt er auf Buber und Bonhoeffer zurück und schreibt, wie der Mensch wieder zum Menschen werden kann. Ott schließt das Buch mit einigen Reflexionen über das Evangelium und die Verantwortung des Christen in dieser Welt ab.

Das Kerncurriculum der Reich-Gottes-Schule

Bernhard Ott ist ein Geschichtenerzähler. Er schafft es, sein Thema gut spannend rüberzubringen. Das Buch ist nicht ganz leicht zu lesen, aber vieles ist sehr bedenkenswert. Die Hinführung zur Bergpredigt ist ihm sehr gut gelungen. Der alttestamentliche Hintergrund, der zur Bergpredigt führt, ist gut zusammengestellt. Besonders die Parallele zu Psalm 1 ist ganz naheliegend und hilfreich. Im Zentrum des Buches steht dann die Bergpredigt und wie sie den Charakter des Nachfolgers formt. Ott versteht die Bergpredigt dabei nicht als unerfüllbaren Maßstab, der uns zum Kreuz führt, sondern als „Kerncurriculum der Reich-Gottes-Schule“. Dem Ansatz kann ich viel abgewinnen und ich halte ihn insgesamt auch für gut begründet. In der Bergpredigt geht es darum, wie Jünger leben sollen, nicht darum, wie sie nicht leben können. Und ganz sicher gehört ein Lernprozess dazu. Das Bild der Tanzschule passt hier sehr gut. Die Gedanken der drei oben genannten Autoren sind vielfach erhellend Es ist ein rundes Buch, das gut zu lesen ist.

Kritische Anfragen

An einigen Punkten habe ich durchaus auch Mühe zu folgen. Die exegetischen Schlussfolgerungen sind meiner Ansicht nach oft nicht ausreichend begründet und teilweise auf sehr wackeligen Beinen. Wenn Ott z. B. 1Mo 1,26 mit Rabbi Israel, der Baal Scham Tow auslegt und schreibt, Gott „sprach schon mit dem Menschen selbst: Komm, du und ich gemeinsam, wir wollen uns den Menschen schaffen!“ (S. 43) dann ist das (um es positiv auszudrücken) eine sehr zweifelhafte Auslegung. Wenn er schreibt, „In der Wüste hat Israel gelernt, in völliger Abhängigkeit ganz auf Gott zu vertrauen“ (S. 100), dann ist das doch sehr fraglich. Wenn die Zeit der Wüstenwanderung eins aufzeigt, dann das menschliche Versagen, nicht die menschliche Charakterentwicklung. Die Versuchung Jesus’ in Mt 4 (auf die Ott Bezug nimmt) steht nicht parallel zur Versuchung Israels, sondern im Gegensatz zu dieser. Israel versagt, Jesus nicht. Teil 3 fand ich ebenfalls nicht völlig überzeugend. Ott arbeitet aus meiner Sicht zu stark mit falschen Gegensätzen, wenn er z. B. schreibt „Der Weg aus den Verstrickungen heraus ist nicht die Anrechnung einer ‚Gerechtigkeit, die vor Gott gilt‘, und beim zukünftigen Gericht der Seele den Weg in den Himmel garantiert. Es ist der Weg der Menschwerdung. In Beziehung zu seinem Schöpfer kann das Geschöpf wieder werden, wozu es bestimmt ist.“ (S.184). Ott bemüht sich, zwischen der liberalen und der konservativen Position zu vermitteln, steht aber meiner Ansicht nach doch weiter links von der Mitte.

Fazit

Trotz einiger kritischen Anfragen habe ich das Buch durchaus mit Gewinn gelesen. Der Fokus auf die Charakterformung gefällt mir sehr gut und die häufig zitierten Autoren (Stückelberg, Buber und Bonhoeffer), wie auch Ott selbst, haben hier einiges zu sagen. Wer es kritisch liest (und das sollte man jedes Buch!), kann viel mitnehmen.

Ich danke dem Neufeld Verlag für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars. Meine Bewertung hat das nicht beeinflusst. Das Buch kann man auch direkt über den Verlag bestellen.

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