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Buchbesprechung: Das Neue Testament und die Endzeit

Das beste Buch, das ich bisher über die Endzeit gelesen habe, stammt von Eckhard Schnabel. Nicht, weil ich mit allen Aussagen übereinstimmen würde. Sondern, weil es sehr gründlich und ausgewogen ist.

Zum Autor

Eckhard Schnabel ist Professor für Neues Testament am Gordon-Conwell Theological Seminary. Wie der Name schon vermuten lässt, ist er gebürtiger Deutscher. Nach seinem Theologie-Studium war er Dozent an der Biblisch-Theologischen Akademie Wiedenest und an der Freien Theologischen Hochschule Gießen, bevor er 1998 in die USA zog.

Aufbau und Inhalt

Das Neue Testament und die Endzeit basiert auf dem englischsprachigen Buch 40 Questions on the End Times, das 2012 veröffentlicht wurde. Während der Inhalt zu großen Teilen übereinstimmt, ist der Aufbau ein anderer. Das Buch ist in fünf Teile gegliedert.

Teil 1: Die Endzeit im Neuen Testament

Hier definiert Schnabel den Begriff Endzeit als die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Jesus’. Weiterhin gibt er eine Einführung in zwei Haupttexte: Die Endzeitrede Jesus’ (Mt 24–25; Mk 13; Lk 21) sowie die drei Serien von Gerichtshandlungen Gottes in der Offenbarung (Offb 6–16).

Teil 2: Die Trübsalszeit und der Antichrist

Hier schreibt Schnabel über die große Trübsal (Mt 24,31; Offb 7,14), die er als allgemeine Beschreibung der Endzeit interpretiert. Weiterhin geht es um die Identifikationen des Antichristen, dem Tiere aus dem Meer und aus der Erde und um den falschen Propheten. Hier vertritt Schnabel eine vermittelnde Position zwischen einer historischen Auslegung (Personen und Systeme zur Zeit von Johannes) und einer idealistischen Auslegung (Personen und Systeme während der Zeit der gesamten Kirchengeschichte). Lediglich beim falschen Propheten lässt er es offen, ob dieser in Zukunft als konkrete Person auftreten wird. Insgesamt vertritt Schnabel recht selten futuristische Auslegungen.

Teil 3: Die Zukunft der Gemeinde und die Zukunft Israels

Die 144.000 aus Offb 7 sind für Schnabel eine symbolische Darstellung der Gemeinde. Ebenso die zwei Zeugen aus Offb 11, die die Treue und den Sieg über den Tod veranschaulichen. Es überrascht dann auch nicht, dass Schnabel die Gemeinde als das neue Israel ansieht. Es gibt für ihn im NT einige wenige Hinweise, die auf eine Zukunft des ethnischen Israels hinweisen könnten – aber nirgends verknüpft mit einer Landverheißung.

Teil 4: Die Wiederkunft Jesu Christi

Die Schlacht von Harmagedon (Offb 19) geht dem Ende voraus. Sie ist für Schnabel eine symbolische Beschreibung des Sieges Jesus’ über das Böse. Gog und Magog stehen dementsprechend für alle Menschen, die dem Tier aus dem Meer folgen, statt dem Lamm. Sie werden gerichtet werden. Wenn Jesus wiederkommt, wird die Welt in Vollkommenheit wiederhergestellt werden. Für die einen bedeutet das Gericht, für die anderen ewiges Leben. Den Zeitpunkt kennt niemand, jeder Zeitpunkt nach der Zerstörung Jerusalems wäre möglich gewesen. Christen sollten mit beidem rechnen: dass es ganz schnell gehen kann, aber auch, dass es sich noch lang hinziehen könnte.

Teil 5: Die neue Welt Gottes

Das Tausendjährige Reich in Offb 20,1-6 beschreibt das Friedensreich Jesus’. Alle Jesusbekenner werden auferstehen und mit ihm auf der Erde regieren. Danach kommt das Endgericht, das für ungläubige im Feuersee enden wird, für Gläubige in der ewigen Herrlichkeit. Die Gläubigen werden das Neue Jerusalem bilden und in Ewigkeit bei Gott wohnen.

Was ich schätze

Das Buch ist strukturiert aufgebaut und inhaltlich sehr gründlich. Argumente werden sorgfältig abgewogen. Man merkt, dass Schnabel ein bewährter Exeget ist, der die Texte und die Hintergründe selbst intensiv erforscht hat. Gelegentlich lässt Schnabel Auslegungsmöglichkeiten auch nebeneinander stehen, wenn der Befund unsicher ist. Man muss sich schon auf gründliche Argumentationsketten einlassen, aber am Ende eines Abschnitts folgt in der Regel eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen. Das macht das Buch trotz seines höheren Anspruchs gut lesbar.

Was ich kritisch sehe

Schnabel spricht sich mehrmals gegen sogenannte „Endzeitspezialisten“ aus. Dazu zählen für ihn unter anderem Hal Lindsay und Tim LaHaye. Gelegentlich kann man beim Lesen den Eindruck bekommen, dass es für Dispensationalisten grundsätzlich nur diese eine Schublade gibt. Hier gibt es allerdings ein weitaus größeres Spektrum. Man muss einfach beachten, dass Schnabel keine neutrale Darstellung unterschiedlicher Endzeitmodelle bietet. Stattdessen stellt er den historischen Prämillennialismus dar und nennt seine Argumente.

Wie beschrieben stellt Schnabel die Gemeinde als das neue Israel dar, das jetzt der Träger von Gottes Verheißungen ist. Hier kann ich Schnabel nicht folgen. Er schreibt selbst: „Allein auf Grundlage alttestamentlicher Texte wäre die Antwort positiv (so der dispensationalistische Ansatz). Wenn wir die Frage auf der Grundlage des Neuen Testaments beantworten, ist die Antwort negativ.“ Meiner Ansicht nach ist der neutestamentliche Befund keinesfalls so einseitig und das NT muss durchaus auch im Licht des AT gelesen werden (wie selbstverständlich auch umgekehrt).

Mein Fazit

Wer sich intensiver mit dem Thema Endzeit beschäftigen will, kommt um dieses Buch nicht herum. Es bietet gründliche Exegese und bewahrt vor wirren Spekulationen. Man muss nicht allen Auslegungen folgen, um enorm profitieren zu können. Mit 39 € hat das Buch einen stolzen Preis. Aber, wie schon Armin Baum auf der Rückseite des Buches schreibt: Wer dieses Buch liest, der „kann auf die meisten anderen Endzeitbücher verzichten.“

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