Bücher

Auslese: September 2020

Der September war recht turbulent. Deshalb sind es diesmal nur zwei Bücher geworden. Es geht um Kirchengeschichte und Bonhoeffer.

Tom Holland: Dominion – The Making of the Western Mind

Tom Holland zeichnet in seinem Buch die Entwicklung des christlichen Abendlandes nach. Er beginnt in der Antike (altes Griechenland und Judentum), beschreibt dann die Zeit des Christentums (von der Entstehung bis zur Reformation) und endet in der Moderne. Trotz 624 Seiten kann manches natürlich nur angedeutet werden. Man bekommt trotzdem einen guten Überblick und die wichtigsten Persönlichkeiten (Jesus, Paulus, Augustinus, Thomas von Aquin, die Reformatoren …) werden im Großen und Ganzen angemessen dargestellt. Auch Waldenser und Hussiten werden erwähnt.

Holland ist selbst kein Christ, hat aber durchaus gewisse Sympathien für das Christentum. In der Beschreibung der neutestamentlichen Geschehnisse geht er zumeist von der tatsächlichen Historizität aus. Die Eroberung Kanaans durch Israel z. B. beschreibt er dagegen als Mythos. Etwas schade fand ich, dass die freikirchliche Bewegung kaum Beachtung findet. Sicher ist ihr kulturprägender Einfluss in Europa begrenzt. Trotzdem hätte ich es angemessen gefunden, wenn Holland ihr ein paar Seiten eingeräumt hätte.

Gegen Ende des Buches stellt er die Willkommenskultur von Angela Merkel der Abschottungspolitik von Viktor Orban gegenüber und drückt damit aus, dass das christliche Abendland an einem Scheideweg steht. Hier merkt man natürlich, dass Holland stark in politischen Dimensionen denkt. Ganz unabhängig von der eigenen politischen Überzeugungen, die Hoffnung der Gemeinde liegt weder in den Händen von Angela Merkel noch in denen von Viktor Orban. Über die Beurteilung einzelner Gruppen mag man darüber hinaus unterschiedlicher Meinung sein (die Puritaner schneiden bei Holland z. B. eher schlecht ab). Insgesamt ist es dem Autor aber gelungen eine spannende Geschichte zu beschreiben und es gibt vieles zu lernen.

Stephen R. Haynes: The Battle for Bonhoeffer

Spätestens seit der Biografie von Eric Metaxas steht Bonhoeffer auch bei der religiösen Rechten in Amerika hoch im Kurs. Schließlich beschreibt Metaxas ihn als evangelikalen Patrioten. Die religiöse Rechte ist freilich nicht die erste Gruppe, die Bonhoeffer als einen der ihren darstellt. Auch von links wurde Bonhoeffer schon des Öfteren eingespannt.

Der Autor des vorliegenden Buches, Stephen R. Haynes, wuchs in der evangelikalen Bewegung auf, fühlt sich heute aber eher dem „mainline protestantism“ zugehörig. Er wehrt sich vor allem gegen die Vereinnahmung von rechts. Vor allem an der Biografie von Metaxas lässt er nicht viel Gutes. Das liegt zum Teil an der inhaltlichen Darstellung. Schließlich spricht Metaxas der überwältigenden Mehrheit der Bonhoeffer-Gelehrten jegliche Deutungskompetenz ab, wenn es um Bonhoeffers Frömmigkeit geht (andere haben schon vor längerer Zeit darauf hingewiesen, dass Metaxas ein verzerrtes Bild von Bonhoeffer darstellt, siehe z. B. den Beitrag von Tim Challies). Es liegt aber auch daran, dass Metaxas Bonhoeffer für politische Zwecke instrumentalisiert. Schließlich stellt Metaxas sich entschieden hinter Donald Trump und ruft mit Verweis auf Bonhoeffer zum Widerstand gegen die Demokraten auf (hätte Bonhoeffer tatsächlich Trump gewählt?).

Theologisch und politisch bin ich mit Haynes nicht immer einer Meinung. Sein Bild von Bonhoeffer scheint mir aber realistischer als das von Metaxas. Am Ende sollte es allerdings gar nicht so sehr um die Frage gehen, ob Bonhoeffer ein Evangelikaler war (wohl eher nicht). Carl Trueman ist zuzustimmen, wenn er schreibt: „Von größerer Bedeutung als die Frage ‚War er ein Evangelikaler?‘ ist ganz sicher die Frage ‚Wie kann ich von ihm lernen, ein besserer Christ zu sein?‘.“ Haynes’ Buch ist erfrischend zu lesen und absolut relevant für eine Zeit wie diese.

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