Warum gute Vorsätze nicht reichen: „Situated“ von Angela Duckworth aus christlicher Sicht

Angela Duckworth zeigt in „Situated“, wie Menschen, Räume und kleine Veränderungen unser Verhalten beeinflussen. Ich stelle ihr Drei-Boxen-Modell vor, frage nach Folgerungen für Gemeindeleiter und ordne die Grenzen dieses Ansatzes christlich ein.

In einer österreichischen Befragung von 2025 gaben 52 Prozent der berufstätigen Smartphone-Nutzer an, dass ihr Handy sie bei der Arbeit zumindest gelegentlich ablenkt. Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse in Deutschland ähnlich ausfallen würden. Und meiner Einschätzung nach sind die 52 Prozent noch eher zu niedrig als zu hoch angesetzt. Jedenfalls muss ich bekennen, dass ich zu den Betroffenen zähle. Wenn ich Ruhe haben möchte, lege ich mein Handy deshalb in eine kleine Holzbox, die ich mir extra für diesen Zweck bestellt habe, und stelle sie ans andere Ende meines Büros. Das hilft mir dabei, mich weniger ablenken zu lassen.

Diesen Ansatz beschreibt auch Angela Duckworth in ihrem neuen Buch Situated. Sie erklärt darin, wie kleine Veränderungen so große Wirkungen haben können. Duckworth zeigt, wie oft wir versuchen, unser Verhalten allein durch bessere Vorsätze zu ändern, während die Menschen und Dinge um uns herum weiter in eine andere Richtung ziehen. Ihre Frage lautet: Welche Umgebung hilft uns, so zu handeln, wie wir es eigentlich wollen?

Von „Grit“ zu „Situated“

Angela Duckworth ist Psychologin und Professorin an der University of Pennsylvania. Bekannt wurde sie durch ihr Buch Grit*, in dem sie untersucht, wie Leidenschaft und Ausdauer dabei helfen, langfristige Ziele zu verfolgen. 2017 ist es auch auf Deutsch erschienen: GRIT – Die neue Formel zum Erfolg.*

Situated: Find the People and Places That Bring Out Your Best* ist ihr Nachfolgebuch, das 2026 bei Scribner erschienen ist. Duckworth revidiert ihre frühere Einsicht nicht. Sie fragt nun aber stärker danach, unter welchen Bedingungen Anstrengung fruchtbar wird. Wer uns umgibt, was in Reichweite liegt und welche Gewohnheiten an einem Ort selbstverständlich sind, beeinflusst unsere Gedanken und unser Handeln.

Das Buch führt zunächst vor Augen, wie sehr Situationen uns prägen. Danach zeigt Duckworth, was wir selbst gestalten können: unseren unmittelbaren Raum, die Menschen, mit denen wir Zeit verbringen, Beziehungen zu Mentoren und die Kultur, in der wir leben und arbeiten. Schließlich zeigt sie, was das für Erziehung, Leitung und gesellschaftliche Verantwortung bedeutet. Hier geht es natürlich um mehr als persönliche Produktivität: Wir beeinflussen auch die Bedingungen, unter denen andere Menschen handeln.

Drei Boxen, eine hilfreiche Frage

Besonders anschaulich ist Duckworths Modell mit drei Boxen. In der ersten steht die Situation, in der zweiten stehen unsere Gedanken, in der dritten unser Verhalten. Wenn ich ein Verhalten ändern möchte, kann ich vom Ergebnis aus zurückfragen: Was ging mir durch den Kopf? Und welche Situation hat diese Gedanken nahegelegt?

An meinem Handy lässt sich das vereinfacht so zeigen:

Das heißt nicht, dass der Impuls völlig verschwindet. Aber das Handy ist nicht mehr im Blick, und vor dem Nachsehen ist ein zusätzlicher Schritt nötig.

Entscheidend ist der Perspektivwechsel: Statt nur das unerwünschte Verhalten zu beklagen, suche ich nach einem Auslöser, den ich beeinflussen kann. Das kann bedeuten, beim nächsten Einkauf auf Süßigkeiten zu verzichten, das Handy aus dem Raum zu legen oder eine erwünschte Tätigkeit leichter zugänglich zu machen. Nicht jeder Versuch funktioniert sofort. Duckworth empfiehlt, eine alternative Veränderung auszuprobieren, wenn der erste Plan nicht aufgeht.

Der Gedanke hat allerdings seine Grenzen: Eine bessere Situation nimmt uns Entscheidungen nicht ab. Sie macht manche Entscheidungen lediglich leichter.

Was Leiter daraus lernen können

Für Menschen mit Leitungsverantwortung ist deshalb nicht nur die Frage interessant, wie sie selbst arbeiten. Sie gestalten mit, unter welchen Bedingungen andere Mitarbeiter dienen. Wer sich über mangelnde Mitarbeit beklagt, sollte auch fragen: Sind Aufgaben klar? Bekommen Menschen die Unterstützung, die sie brauchen? Gibt es Raum für Rückfragen und Feedback?

Duckworth beschreibt eine Verbindung von Herausforderung und Unterstützung als günstige Situation für Wachstum. Verantwortung ohne wahrgenommene Unterstützung kann Menschen erschöpfen. Unterstützung ohne eine sinnvolle Aufgabe lässt dagegen Potenzial ungenutzt. Wir sollten uns regelmäßig fragen: Schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen verantwortlich dienen und dabei wachsen können?

Gerade hier gefällt mir der Perspektivwechsel des Buches. Leitung erschöpft sich nicht darin, andere zu mehr Einsatz aufzurufen. Sie trägt auch Verantwortung für Abläufe, Beziehungen und eine Kultur, die gutes Handeln fördern.

Was ein anderes Umfeld nicht leisten kann

Für Duckworth gibt es durchaus Grenzen in Bezug auf die Möglichkeiten zur Veränderung. Das veranschaulicht sie interessanterweise, indem sie über das bekannte „Gelassenheitsgebet“ von Reinhold Niebuhr spricht. Sie erinnert daran, zwischen dem zu unterscheiden, was wir beeinflussen können, und dem, was außerhalb unserer Macht liegt. Dabei macht sie deutlich, dass wesentlich mehr in unserem Einflussbereich liegt als bloß unsere innere Einstellung: zum Beispiel, was wir in unsere Nähe lassen und mit wem wir Zeit verbringen. Gleichzeitig können wir weder unsere Vergangenheit noch sämtliche Umstände unseres Lebens bestimmen. Und ein Ortswechsel allein löst keine tief sitzenden Probleme.

Das ist auch aus christlicher Sicht wichtig. Es wäre töricht, Versuchungen absichtlich in Reichweite zu halten, um unsere Willenskraft zu beweisen. Die Bibel fordert uns sogar auf, vor Begierden zu fliehen und gemeinsam mit anderen dem Guten nachzujagen (2Tim 2,22). Es ist kein Zeichen geringerer geistlicher Reife, wenn jemand sein Handy weglegt oder eine andere kluge Grenze zieht. Zugleich nennt Paulus Enthaltsamkeit als Frucht des Geistes (Gal 5,22–23). Wir sollten klug sein, wenn wir die Möglichkeit haben, Versuchungen zu meiden. Gleichzeitig tragen wir in Fällen, in denen das nicht möglich ist, die Verantwortung.

Wichtig: Auch das bestgestaltete Umfeld kann unser Herz nicht erneuern. Nach der Flut bekommen Noah und seine Familie einen Neuanfang. Gott hatte die damalige Welt gerichtet. Und doch sagt Gott bereits in 1Mo 8,21, dass das Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend an. Später erzählt 1Mo 9 von Noahs Trunkenheit und dem anschließenden Familienkonflikt. Das macht deutlich: Die Flut hat das Problem der Sünde nicht gelöst. Wir brauchen mehr als ein besseres Umfeld.

Das macht Duckworths Beobachtungen nicht wertlos. Sie helfen uns, Verantwortung im Rahmen unserer Möglichkeiten wahrzunehmen. Als Christen müssen wir lernen, das eigene Umfeld klug zu gestalten, und als Leiter sollten wir darum bemüht sein, gute Bedingungen für andere zu schaffen. Wenn dabei etwas gelingt, ist das kein Grund zum Stolz. Phil 2,12–13 hält unser Handeln und Gottes Wirken zusammen: Gott wirkt auch das Wollen und das Wirken.

Mein Fazit

Duckworth schreibt sehr anschaulich und arbeitet mit vielen Beispielen und Geschichten. Manches hätte für meinen Geschmack knapper ausfallen können – das geht mir bei englischsprachigen Büchern häufiger so. Trotzdem ist Situated sehr lesenswert: für Menschen, die sich mit persönlicher Produktivität beschäftigen, und für Menschen mit Leitungsverantwortung. Besonders Gemeindeleiter können aus dem Buch lernen, den Blick über das Verhalten einzelner Menschen hinaus auf die Bedingungen gemeinsamen Dienstes zu richten. Der größte Gewinn liegt für mich in einer einfachen Frage: Welche Situation könnte ich so verändern, dass das Gute leichter wird?

Darauf gibt das Buch viele praktische Antworten. Die christliche Hoffnung reicht weiter: Nicht jede Situation lässt sich ändern, und keine Veränderung des Umfelds kann Gottes Gnade ersetzen.

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