Logos KI im Praxistest: Besser als gedacht – aber noch kein verlässliches Werkzeug

Ich habe meine Einschätzung zur Logos-KI korrigieren müssen. Sie ist besser als gedacht – aber noch kein verlässliches Werkzeug.

Im November habe ich den neuen KI-Chat in Logos bewertet und dabei ein gemischtes Fazit gezogen: ein Fortschritt, aber noch kein Durchbruch. Nicht alles daran war allerdings korrekt. Ruben hat mich kürzlich in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass ich eine Möglichkeit übersehen habe, die tatsächlich funktioniert.

Ich habe mir das daraufhin noch einmal genauer angeschaut – und musste meine Einschätzung an dieser Stelle korrigieren. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Mein grundlegender Eindruck bleibt bestehen. Die Möglichkeiten sind größer, als ich zunächst dachte, aber die Umsetzung bleibt an entscheidenden Punkten hinter dem zurück, was eigentlich möglich wäre.

Fragen an einzelne Werke: besser als gedacht

Ein zentraler Kritikpunkt meines ursprünglichen Artikels war, dass man keine gezielten Fragen an einzelne Bücher stellen könne. Genau das stimmt so nicht. Über die Suche kann man ein konkretes Werk auswählen und dieses direkt „befragen“. Ich habe das mit dem Beale-Kommentar zu Kolosser ausprobiert – genau mit der Frage, die ich auch im November formuliert hatte.

Das Ergebnis ist überzeugend. Die Antwort greift die Argumentation des Autors sauber auf, verweist nachvollziehbar auf die Quelle und erlaubt es, im Chat direkt nachzufragen und tiefer einzusteigen. Damit wird aus einer statischen Recherche ein echter Arbeitsprozess. Für die Predigtvorbereitung ist das ein deutlicher Gewinn, weil man schneller zum Kern eines Arguments kommt und anschließend gezielt im Text nachlesen kann.

Sammlungen: ein interessanter Ansatz

Neu für mich war auch die Arbeit mit Sammlungen. Damit kann man mehrere Bücher bündeln und die KI gezielt auf diese Auswahl beschränken. Die Idee dahinter ist stark, weil man sich eine eigene, kuratierte Arbeitsumgebung schaffen kann – etwa mit den Kommentaren, denen man besonders vertraut.

In der Praxis funktioniert das Anlegen solcher Sammlungen gut und ist intuitiv. Man merkt, dass hier ein durchdachtes Konzept dahintersteht. Gerade für die Predigtarbeit liegt hier großes Potenzial, weil man nicht mehr mit der gesamten Bibliothek arbeiten muss, sondern bewusst mit einer ausgewählten Gruppe von Quellen.

Vergleich mehrerer Kommentare: hier wird es problematisch

Die eigentliche Stärke würde sich allerdings erst zeigen, wenn man mehrere Werke zuverlässig miteinander vergleichen könnte. Genau das habe ich versucht – und hier zeigen sich deutliche Schwächen. In einem Versuch mit vier Werken (siehe Screenshots) wurde darauf hingewiesen, dass zwei Werke ignoriert wurden, da die Anfrage zu breit sei. Gleichzeitig wurde jedoch die gesamte Bibliothek durchsucht und eine zusätzliche Quelle einbezogen, die gar nicht Teil der ursprünglichen Auswahl war.

Das wirkt inkonsistent und schwer nachvollziehbar. Wenn vier Kommentare in einer Sammlung enthalten sind, sollte es kein Problem sein, genau diese vier miteinander zu vergleichen. Hinzu kommt, dass die Darstellungsmöglichkeiten begrenzt sind. Ich habe beispielsweise vergeblich versucht, die Unterschiede tabellarisch darstellen zu lassen; die Antworten bleiben textlastig und wenig strukturiert. Gerade hier zeigt sich, dass die Umsetzung noch nicht ausgereift ist.

Viel Potenzial – aber noch kein verlässliches Werkzeug

Nach diesen Tests wird deutlich: Logos ist auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel. Die grundlegenden Funktionen sind vorhanden, und meine ursprüngliche Kritik war an einigen Stellen nicht zutreffend. Man kann gezielt mit einzelnen Werken arbeiten, Sammlungen erstellen und grundsätzlich auch mehrere Stimmen zusammenführen.

Gleichzeitig fehlt es noch an Verlässlichkeit und an geeigneten Darstellungsmöglichkeiten. Besonders beim Vergleich mehrerer Auslegungen stößt man schnell an Grenzen, und die Steuerungsmöglichkeiten durch den Nutzer sind noch zu ungenau. Die Ergebnisse sind nicht immer konsistent, was gerade für ernsthafte exegetische Arbeit problematisch ist.

Ein realistisches Zwischenfazit

Der KI-Chat in Logos ist mehr als ein Zusatzfeature. Richtig eingesetzt, kann er die Arbeit deutlich erleichtern und beschleunigen – vor allem beim Einstieg in ein Thema oder beim Erschließen einzelner Kommentare. Gleichzeitig ersetzt er keine sorgfältige Auslegung und ist noch kein Werkzeug, auf das man sich bei komplexeren Fragestellungen vollständig verlassen kann.

Vielleicht ist das die treffendste Einordnung: Logos hat erkennbar die richtigen Ideen, aber daraus noch kein wirklich verlässliches Studienwerkzeug gemacht. Die Richtung stimmt, doch die Umsetzung trägt an entscheidenden Stellen noch nicht. Wenn Logos hier nachschärft, kann daraus sehr viel werden.


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