Autorität, die Menschen aufblühen lässt – Jonathan Leemans „Using Authority Well“

Gute Autorität lässt Menschen aufblühen. Jonathan Leemans Using Authority Well zeigt, wie Männer Verantwortung in Familie, Beruf und Gemeinde wahrnehmen können. Meine Rezension mit einer Einordnung seiner Gedanken zu Ehe und Ältestendienst.

Autorität hat keinen guten Ruf. Oft wird der Begriff mit Bevormundung, Willkür und Machtmissbrauch in Verbindung gebracht. Autorität und autoritäres Verhalten werden dabei häufig in die gleiche Schublade gesteckt. Ist Autorität bestenfalls ein notwendiges Übel oder kann sie an sich etwas Gutes sein? Und woran erkennt man ihren verantwortlichen Gebrauch? Diesen Fragen widmet sich Jonathan Leeman in seinem Buch Using Authority Well: A Concise Guide for Men (Affiliate-Link). Es ist eine gekürzte und auf Männer zugeschnittene Fassung seines ausführlicheren Buches Authority: How Godly Rule Protects the Vulnerable, Strengthens Communities, and Promotes Human Flourishing (Affiliate-Link), das ich bisher allerdings noch nicht gelesen habe.

Das Buch richtet sich ausdrücklich an Männer, obwohl selbstverständlich auch Frauen in verschiedenen Bereichen Autorität haben. Ich habe es während der Vorbereitung auf eine Predigt zu Kol 3,18–4,1 durchgearbeitet. Dabei war es mir eine große Hilfe.

Gute Autorität lässt Menschen aufblühen

Anhand von 2Sam 23,3–4 macht Leeman von Anfang an deutlich, dass Autorität, biblisch verstanden und ausgeübt, positiv zu bewerten ist. In seinen letzten Worten vergleicht David gerechte, gottesfürchtige Königsherrschaft mit strahlendem Morgenlicht, durch dessen Glanz nach dem Regen das Grün aus der Erde wächst. Autorität hat damit das Ziel, die Menschen aufblühen zu lassen, für die man Verantwortung trägt.

Autorität und Macht sind für Leeman nicht identisch:

„Macht ist die Fähigkeit oder das Vermögen, etwas zu tun. […] Autorität dagegen ist das moralische Recht oder die Befugnis, diese Macht auszuüben. Sie ist die Berechtigung, etwas zu tun.“ (Alle Buchzitate nach eigener Übersetzung)

Dass jemand etwas durchsetzen kann, bedeutet also noch nicht, dass er dazu berechtigt ist. Gute Autorität schützt. Sie gibt Orientierung, sie ermutigt, sie korrigiert und sie eröffnet neue Möglichkeiten. Vollkommen sichtbar wird sie in Jesus Christus, der kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Mk 10,45).

Wer führt, muss sich selbst unterordnen können

Für Leeman gilt: Alle menschliche Autorität ist anvertraute Autorität – und damit auch begrenzte Autorität. Letzte Autorität hat allein der Herr (vgl. Kol 4,1). Wer Verantwortung trägt, sollte deshalb vorher gelernt haben, sich selbst unterzuordnen. Wer das nicht gelernt hat, wird auch Schwierigkeiten damit haben, gut zu führen. Gutes Zuhören, Lernbereitschaft und die Annahme von Korrektur sind deswegen für jeden Leiter wichtig.

„Niemand sollte in eine Autoritätsposition eingesetzt werden, der sich nicht unterzuordnen weiß und nicht anerkennt, dass menschliche Autorität niemals absolut ist, sondern immer jemandem Rechenschaft schuldet – vor allem Gott.“

Rechenschaft muss sich darin zeigen, dass andere widersprechen, Fehlentscheidungen ansprechen und Einblick in das eigene Leben bekommen dürfen. Warum auch Leiter selbst geistliche Begleitung und Korrektur brauchen, habe ich in meiner Besprechung von Paul David Tripps Leiten ausführlicher beschrieben.

Autorität kann unterschiedlich aussehen

Leeman unterscheidet zwischen zwei Arten von Autorität: Es gibt für ihn anordnende Autorität (command) und beratende Autorität (counsel). Anordnende Autorität umfasst das Recht, bestimmte Anweisungen innerhalb des jeweiligen Verantwortungsbereichs durch entsprechende Sanktionen durchzusetzen. Beratende Autorität steht dagegen für verbindliche Leitung, aber ohne das Recht zur Durchsetzung durch Sanktionen. Zur ersten Kategorie gehören für Leeman die Autorität der Eltern, des Staates und der Gemeindeversammlung. Zur zweiten gehört die Autorität von Ehemännern und Ältesten.

Die Unterscheidung finde ich nachvollziehbar. Eltern haben andere Befugnisse gegenüber ihren Kindern als Ehemänner gegenüber ihren Frauen. Dazu passt auch die unterschiedliche Wortwahl in Kol 3: Paulus spricht bei Ehefrauen von „Unterordnung“, bei Kindern und Sklaven von „Gehorsam“. Daraus allein ergeben sich noch nicht sämtliche Einzelheiten von Leemans Modell. Es macht aber deutlich, dass unterschiedliche Beziehungen nicht einfach gleichgesetzt werden sollten.

Wichtig ist, dass Leeman mit „beratend“ keine unverbindlichen Vorschläge meint. Er spricht vielmehr von moralisch verbindlichen Anweisungen. Der Unterschied betrifft vor allem die Durchsetzung. Das bedeutet nicht, dass Ehemänner und Älteste keine Autorität besitzen. Beide Formen menschlicher Autorität bleiben außerdem an Gottes Willen gebunden und haben ihre Grenzen.

Insgesamt behandelt Leeman den Umgang mit Autorität in fünf Lebenssituationen: (1) als Ehemann, (2) als Vater, (3) als Vorgesetzter, (4) als Ältester und (5) als unverheirateter Mann. Im Folgenden greife ich zwei wesentliche Bereiche heraus: die Verantwortung als Ehemann und als Ältester.

Als Ehemann das Wohl der eigenen Frau suchen

Leemans Unterscheidung finde ich sehr hilfreich. Er vertritt ein klar komplementäres Rollenverständnis, bei dem gleichzeitig deutlich wird, dass Ehemänner kein Recht haben, ihre Frauen herumzukommandieren oder über ihre Bedürfnisse hinweg zu entscheiden. Die gleiche Würde der Ehefrau bleibt gewahrt. Zugleich betont Leeman ihre freiwillige Unterordnung und die besondere Verantwortung des Ehemanns.

Der Ehemann erhält keinen Auftrag, Unterordnung zu erzwingen. Seine Verantwortung soll gerade darin sichtbar werden, dass er im Sinne von 2Sam 23,3–4 das Beste für seine Frau sucht. Ihre Weisheit, ihre Gaben und ihre Bedürfnisse sollen die gemeinsame Entscheidungsfindung tatsächlich beeinflussen.

„Denk daran: Dein Ziel als Ehemann oder Ältester ist es nicht, deinen Willen durchzusetzen. Es geht darum, Menschen wachsen zu lassen und sie zu Christus hinzuführen, sodass ihr euer Ziel gemeinsam und mit freudiger Zustimmung erreicht.“

Nehmen wir an, ein Mann bekommt ein beruflich attraktives Angebot, das einen Umzug erfordert. Für seine Frau könnte das bedeuten, ihre eigene Arbeit und wichtige Beziehungen aufzugeben. Ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen heißt dann, genau zuzuhören, gemeinsam nach Alternativen zu suchen und gegebenenfalls auch auf die eigene berufliche Chance zu verzichten.

Rücksichtsloses Durchsetzen lässt sich somit keinesfalls mit dem neutestamentlichen Auftrag des Ehemanns rechtfertigen.

Auch Älteste bleiben ihrer Gemeinde verantwortlich

In Bezug auf die Autorität von Ältesten vertritt Leeman ein kongregationalistisches Gemeindeverständnis. Älteste leiten und lehren. Die abschließende Verantwortung für die Aufnahme und den Ausschluss von Mitgliedern liegt nach seinem Verständnis jedoch bei der versammelten Gemeinde. Dabei beruft er sich unter anderem auf Mt 18 und 1Kor 5. Näher erläutere ich dieses Verständnis in meiner Buchbesprechung von Gemeinde-Mitgliedschaft.

Ich bin nicht ganz überzeugt von dieser Zuordnung der Befugnisse zwischen Ältesten und Gemeindeversammlung und würde der Autorität der Ältesten mehr Gewicht beimessen. In jedem Fall gibt es aber Situationen, in denen die Gemeinde ihren Ältesten widersprechen und sich ihrem Handeln entgegenstellen muss – etwa bei falscher Lehre oder schwerwiegendem Missbrauch ihrer Verantwortung. Auch eine herausgehobene geistliche Verantwortung entbindet niemanden von Rechenschaft und Korrektur.

Ein kurzes und hilfreiches Buch

Using Authority Well (Affiliate-Link) ist ausgesprochen hilfreich, praktisch und ausgewogen. Es macht deutlich, wie biblische Autorität gelebt werden sollte, und hilft, Missverständnisse und missbräuchliche Formen von Autorität zu erkennen. Besonders die Kapitel für Ehemänner und Väter fand ich sehr praktisch. Ich würde es insbesondere jungen Männern empfehlen, die lernen wollen, verantwortlich mit Autorität umzugehen.

Wer einen Einblick ins Thema bekommen möchte, ohne gleich das Buch zu kaufen, dem empfehle ich dieses Interview mit Jonathan Leeman.

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