Am 30. September 2026 wurde bekannt, dass sich die Innenministerkonferenz von ihrem bisherigen Einstimmigkeitsprinzip verabschiedet hat. Wie der Deutschlandfunk berichtet, reichen künftig für Beschlüsse 13 der 16 Länderstimmen. Als Hintergrund wird die Sorge genannt, ein möglicher AfD-Innenminister in Sachsen-Anhalt könnte gemeinsame Entscheidungen mit seiner Gegenstimme verhindern.
Über diese Entscheidung und ihre politische Begründung kann man unterschiedlicher Meinung sein. Das möchte ich hier nicht bewerten. Interessant finde ich aber die grundsätzliche Frage, die dadurch aufgeworfen wird: Wie viel Übereinstimmung braucht ein Leitungsgremium, bevor es handeln kann? Diese Frage stellt sich auch in Gemeinden. Sollte eine Gemeindeleitung grundsätzlich nur dann entscheiden, wenn alle zustimmen?
Warum Einstimmigkeit ein gutes Anliegen ist
Die Innenministerkonferenz wurde 1954 gegründet, um die Zusammenarbeit der Länder auch auf politischer Ebene zu verankern. Das bisherige Einstimmigkeitsprinzip sollte Kompromissbereitschaft fördern und dazu beitragen, dass gemeinsame Beschlüsse anschließend auch tatsächlich umgesetzt werden. Dabei waren Enthaltungen durchaus möglich. Entscheidend war, dass niemand dagegen stimmte. Einstimmigkeit kann also bedeuten, dass alle ausdrücklich zustimmen oder dass zumindest niemand widerspricht. In beiden Fällen kann eine Gegenstimme den Beschluss verhindern. Eine Entscheidung mitzutragen ist davon zu unterscheiden: Das kann auch jemand, der dagegen gestimmt hat und weiterhin einen anderen Weg bevorzugt.
Bei der Innenministerkonferenz verständigen sich eigenständig verantwortliche Bundesländer. Darin ähnelt sie eher einem Gemeindebund oder Netzwerk als einer örtlichen Gemeindeleitung. In solchen Zusammenschlüssen hängt die passende Entscheidungsregel auch davon ab, welche Verpflichtungen für die einzelnen Gemeinden entstehen und welche Entscheidungen einem gemeinsamen Gremium übertragen wurden.
Eine örtliche Gemeindeleitung trägt dagegen gemeinsam Verantwortung für dieselbe Gemeinde. Trotzdem hat Einstimmigkeit auch hier einen hohen Wert: Sie ermutigt zum Zuhören, schützt davor, Bedenken vorschnell zu übergehen, und erleichtert die Umsetzung. Wer Einigkeit sucht, nimmt die gemeinsame Verantwortung ernst. Die Frage ist deshalb, ob Einstimmigkeit bei jeder Entscheidung zwingend erforderlich sein sollte.
Geistliche Einheit kann unterschiedliche Einschätzungen tragen
Für Christen ist Einheit ein zentrales Anliegen. Eine Gemeindeleitung soll gemeinsam Christus dienen, auf sein Wort hören und die Gemeinde lieben. Aber bedeutet das, bei jeder praktischen Frage zum gleichen Urteil kommen zu müssen? John Piper geht dieser Frage in einem Beitrag über Einstimmigkeit in der Gemeindeleitung bei Desiring God nach. Er verweist unter anderem auf Römer 14 und Philipper 3,14–16. In Römer 14 beurteilen Christen Speisen und bestimmte Tage unterschiedlich. Paulus fordert sie auf, einander anzunehmen und weder zu verachten noch zu verurteilen. In Philipper 3 rechnet er mit abweichenden Einsichten und ermutigt zugleich dazu, am bereits Erreichten festzuhalten und gemeinsam weiterzugehen.
Diese Texte beschreiben keine Abstimmungsordnung für Älteste. Sie zeigen aber, dass geistliche Gemeinschaft nicht erst möglich wird, wenn sämtliche Unterschiede überwunden sind. Das ist für Gemeindeleitungen wichtig. Auch nach gemeinsamem Gebet und sorgfältiger Beratung können unterschiedliche Einschätzungen bleiben. Vielleicht bewertet einer die Belastung der Mitarbeiter anders. Ein anderer sieht größere Chancen für die missionarische Arbeit. Solche Unterschiede müssen kein Zeichen mangelnder geistlicher Einheit sein.
Ein Leiter kann einen anderen Weg bevorzugen und trotzdem eine gemeinsam getroffene Entscheidung mittragen. Diese Bereitschaft verlangt Demut. Ebenso muss die Mehrheit bereit sein, ihre Einschätzung durch einen berechtigten Einwand korrigieren zu lassen.
Auch das Warten braucht eine Begründung
Große Vorhaben brauchen besonders sorgfältige Beratung und möglichst breite Zustimmung. Einzelne Vorbehalte sollen früh zur Sprache kommen und bei der Ausarbeitung des Vorschlags berücksichtigt werden. Schwierig wird es allerdings, wenn wichtige Vorhaben immer wieder vertagt werden, weil die letzte Zustimmung fehlt. Dann muss auch das weitere Warten geprüft werden.
Nehmen wir an, eine Gemeinde braucht zusätzliche Unterstützung für ihre pastorale Arbeit. Die bisherigen Mitarbeiter sind seit Langem überlastet. Die meisten Mitglieder der Gemeindeleitung halten eine weitere Stelle für notwendig. Einer hat Bedenken wegen der dauerhaften finanziellen Verpflichtung. Diese Bedenken verdienen eine gründliche Prüfung. Wenn die Frage allerdings über Jahre verschoben wird, bleiben Mitarbeiter überlastet und Aufgaben werden vernachlässigt. Eine fehlende Entscheidung ist in ihrer Wirkung keineswegs neutral.
Der Handlungsbedarf macht nicht automatisch jeden Lösungsvorschlag richtig. Vielleicht ist eine andere Form der Entlastung sinnvoller. Aber die Risiken einer Veränderung müssen gegen die Risiken des weiteren Wartens abgewogen werden. Hilfreich sind deshalb konkrete Fragen: Was genau muss noch geklärt werden? Welche Information fehlt? Welche Änderung würde den Einwand ausräumen? Und bis wann können wir darüber entscheiden?
Geduld kann eine Entscheidung verbessern. Dauerndes Vertagen kann notwendiges Handeln verhindern. Wenn jede Gegenstimme dauerhaft einen Beschluss verhindert, erhält ein Einzelner erheblichen Einfluss darauf, welcher Zustand bestehen bleibt.
Mehrheitsentscheidungen brauchen eine gesunde Leitungskultur
Das Mehrheitsprinzip entbindet eine Gemeindeleitung nicht davon, sorgfältig zuzuhören. Auch eine große Mehrheit kann einen entscheidenden Punkt übersehen. Ein konkreter biblischer Einwand oder ein ernsthafter Hinweis auf eine mögliche Schieflage muss deshalb inhaltlich geprüft werden. Stimmenzählen allein reicht nicht.
Matt Smethurst und Ligon Duncan sprechen in ihrem Podcast The Everyday Pastor von The Gospel Coalition sehr praktisch über die Zusammenarbeit mit anderen Ältesten. Duncan beschreibt, dass sie bei einer stark geteilten Leitung wichtige Fragen häufig erneut beraten hätten. Einstimmigkeit sei nicht für jede Entscheidung erforderlich, breite Unterstützung aber bei größeren Veränderungen besonders wichtig. Ebenso betonen sie, dass auch der Pastor bereit sein muss, sich überstimmen zu lassen. Gemeinsame Leitung wird unglaubwürdig, wenn die anderen letztlich nur seiner Einschätzung folgen dürfen. Eine gesunde Gemeindeleitung braucht Leiter, die offen widersprechen und ihre eigene Meinung gleichzeitig nicht absolut setzen.
Wenn es regelmäßig zu Kampfabstimmungen kommt, stimmt etwas mit der Leitungskultur nicht. Dann sollte man grundlegende Fragen angehen: Fehlt Vertrauen? Sind gemeinsame Ziele ungeklärt? Gibt es ungelöste Konflikte oder feste Lager? Eine andere Abstimmungsregel allein wird solche Probleme nicht beheben.
Umgekehrt beweist ein einstimmiges Ergebnis noch keine gesunde Kultur. Wer weiß, dass seine Gegenstimme alles aufhält, kann unter Druck geraten, trotz seiner Bedenken zuzustimmen. Es kann entlastend sein, die eigene abweichende Einschätzung offen auszusprechen und dennoch einen gemeinsamen Weg mitzutragen. Das muss ohne Druck möglich sein. Eine gesunde Leitungskultur hilft dabei, unterschiedliche Urteile auszuhalten, ohne dass daraus Verbitterung entsteht.
Zur gemeinsamen Verantwortung gehört schließlich, einen verantwortbar beschlossenen Weg auch gemeinsam zu tragen. Die Podcastfolge warnt davor, Meinungsverschiedenheiten aus dem Leitungskreis in die Gemeinde hineinzutragen und dort Lager zu bilden. Berechtigte Kritik und neue Hinweise müssen weiterhin möglich bleiben. Eine Gegenkampagne für die eigene unterlegene Position hilft der Gemeinde jedoch nicht.
Einigkeit suchen und verantwortlich entscheiden
Wenn du in einer Gemeindeleitung mitarbeitest, können die folgenden vier Anregungen eure gemeinsame Arbeit unterstützen:
- Klärt eure Entscheidungsregeln vor einem Konflikt. Wer entscheidet worüber, und welche Zustimmung braucht es innerhalb eurer Gemeindeordnung?
- Benennt eure Einwände offen und ehrlich. Eine persönliche Vorliebe hat ein anderes Gewicht als ein konkreter Hinweis auf einen schwerwiegenden Fehler.
- Legt bei Vertagungen einen Termin fest. Benennt, was bis wann geklärt werden soll. Auch die Folgen des Wartens gehören in die Beratung.
- Prüft, ob ihr eine Entscheidung mittragen könnt. Nicht jeder muss einen Weg für die beste Möglichkeit halten. Bei überschaubaren Vorhaben kann zudem ein befristeter Versuch mit gemeinsamem Auswertungstermin helfen.
Besprecht diese Fragen am besten in einer eurer nächsten Leitungssitzungen, bevor ein konkreter Konflikt euch dazu zwingt. Auch wenn du selbst nicht zur Gemeindeleitung gehörst, kannst du eine gesunde Leitungskultur unterstützen: Deute unterschiedliche Einschätzungen nicht vorschnell als mangelnde Einheit, frage nach den Gründen für Entscheidungen und sprich eigene Bedenken offen an. Eine Entscheidung mitzutragen bedeutet auch für dich nicht, ihr unkritisch zustimmen zu müssen.
Gemeindeleitungen sollten Einigkeit suchen, ohne jede Entscheidung zwingend von Einstimmigkeit abhängig zu machen. Bei wichtigen Entscheidungen brauchen sie breite Unterstützung und eine gründliche Prüfung der Bedenken. Sie tragen aber auch Verantwortung dafür, dass notwendige Entscheidungen getroffen werden. Eine reife Gemeindeleitung kann unterschiedliche Einschätzungen aushalten, daraus lernen und gemeinsam handeln. Dazu braucht sie mehr als eine Abstimmungsregel: Vertrauen, Demut und die Bereitschaft, Verantwortung miteinander zu tragen.
Wenn du eure Leitungssitzungen bewusster gestalten möchtest, findest du weitere praktische Anregungen in meinem Beitrag Bessere Besprechungen gestalten.
Wenn du meine zukünftigen Artikel sowie ausgewählte Buchempfehlungen und Leitungsimpulse direkt per E-Mail erhalten möchtest, kannst du dich für meinen monatlichen Newsletter eintragen. Hier eintragen.
