Wie prägen Smartphones und soziale Medien unser Denken, unseren Glauben und unsere Beziehungen? Diese Frage betrifft uns selbst ebenso wie die Menschen, für die wir Verantwortung tragen. Das von Brett McCracken und Ivan Mesa herausgegebene Buch Wir scrollen uns zu Tode bietet dazu hilfreiche Orientierung – besonders für Eltern und Menschen mit Verantwortung in Gemeinden.
Das englische Original habe ich im vergangenen Jahr ausführlicher vorgestellt. Nun ist es bei der Christlichen Verlagsgesellschaft Dillenburg auf Deutsch erschienen. Darüber freue ich mich, denn ich halte das Thema für ausgesprochen wichtig und möchte das Buch deshalb noch einmal empfehlen.
Verstehen, was uns prägt
Beim Thema Smartphone denken wir schnell an Jugendliche. Doch längst gehört es auch zum Alltag vieler Eltern und Großeltern. Den eigenen Griff zum Handy können wir meist gut begründen: kurz etwas nachschauen, eine Nachricht beantworten, auf dem Laufenden bleiben. Schwieriger wird es, wenn wir fragen, wie häufig wir dadurch Gespräche unterbrechen, beim Lesen abschweifen oder jeden stillen Moment mit neuen Eindrücken füllen.
Wir scrollen uns zu Tode hilft, diese Gewohnheiten in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Die Autoren greifen Neil Postmans Medienkritik aus Wir amüsieren uns zu Tode auf und führen seine Fragen in die Welt von Smartphones und sozialen Medien weiter. Ein wesentlicher Gedanke: Medien beeinflussen, wie wir Inhalte aufnehmen, was wir für wichtig halten und wie wir miteinander umgehen. Deshalb müssen wir auch fragen, was die Art unseres Medienkonsums mit uns macht.
Gerade der erste Teil ist stärker kulturgeschichtlich und philosophisch ausgerichtet. Man sollte etwas Interesse daran mitbringen, wie technologische Entwicklungen unser Denken und Zusammenleben verändern. Diese Beschäftigung lohnt sich: Sie hilft, unsere Gegenwart und die Entwicklungen zu verstehen, die uns hierhergeführt haben.
Im weiteren Verlauf wird das Buch zunehmend praktisch. Es geht um christliche Kommunikation, Nachfolge und Gemeindeleben. Die Diskussionsfragen am Ende der Kapitel unterstützen dabei, das Gelesene auf den eigenen Alltag zu beziehen.
Was wir vorleben
In meinem Beitrag über Jonathan Haidts Rat an Gemeinden hat mich bereits die Frage beschäftigt, wie Gemeinden Orte ungeteilter Aufmerksamkeit und echter Gemeinschaft sein können. Dabei habe ich auch über meine eigene Nutzung des Tablets im Gottesdienst nachgedacht – und darüber, welches Signal mein Verhalten an andere sendet.
Diese Frage stellt sich ebenso zu Hause. Was erleben unsere Kinder als selbstverständlich? Dass wir beim Essen erreichbar bleiben und in jeder Pause zum Bildschirm greifen? Welche Gelegenheiten schaffen wir, um zuzuhören, gemeinsam etwas zu unternehmen und zu lesen?
Aktuell lese ich das überaus spannende Buch Situated von Angela Duckworth. Dabei bin ich in den letzten Tagen an einem Gedanken hängengeblieben, der gut dazu passt: Die Gestaltung unseres Zuhauses vermittelt Kindern, was uns wichtig ist. Was sichtbar und zugänglich ist, lädt zur Beschäftigung ein – das gilt für Bücher ebenso wie für Bildschirme. Mehr zu Duckworths Buch vermutlich in einem der nächsten Beiträge.
Dieser Gedanke lässt sich auch auf unser Gemeindeleben übertragen: Welche Umgebung schaffen wir, und welche Gewohnheiten fördern wir? Was hilft uns, aufmerksam auf Gottes Wort zu hören und füreinander da zu sein? Hier setzt auch Wir scrollen uns zu Tode an. Diese Verbindung von Medienkritik und gelebtem Glauben macht das Buch für mich wertvoll.
Die deutsche Ausgabe
Die deutsche Ausgabe umfasst 288 Seiten gegenüber 256 Seiten im englischen Original und ist zugleich vom Format her etwas kompakter. Der Satz wirkt auf mich stellenweise etwas enger, besonders im oberen Seitenbereich bei der Kapitelüberschrift. Insgesamt finde ich das Buch aber gut lesbar.
Etwas bedauere ich die Umstellung von Fußnoten auf Endnoten. Wer einer Quelle oder einem weiterführenden Gedanken nachgehen möchte, muss nun nach hinten blättern. Dafür bleiben die Textseiten übersichtlicher. Meine Freude über die Übersetzung mindert das kaum: Die grundlegenden Fragen sind für unseren deutschen Kontext ebenso relevant wie für den amerikanischen, aus dem die Beiträge stammen.
Wem ich die Lektüre empfehle
Ich empfehle das Buch besonders Menschen, die mit ihren digitalen Gewohnheiten ringen oder die Unruhe und Überforderung unserer Zeit besser einordnen möchten. Vor allem denke ich an Eltern, die ihre Kinder in dieser Medienwelt begleiten, und an Mitarbeiter und Leiter in Gemeinden.
Wir sollten die Beschäftigung mit Medien nicht den Experten überlassen. Sie prägen unseren Alltag und den der Menschen, die uns anvertraut sind – oft stärker, als wir wahrhaben möchten.
Ein guter Einstieg könnte sein, das Buch mit dem Ehepartner oder einigen Mitarbeitern der Gemeinde zu lesen. Nehmt euch ein Kapitel vor, besprecht die Fragen und überlegt, welche konkrete Gewohnheit ihr verändern möchtet. Das Buch braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Ich halte beides für gut investiert.
Brett McCracken und Ivan Mesa (Hg.): Wir scrollen uns zu Tode. Zwischen Bildschirm und Wirklichkeit. Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 2026. Paperback, 288 Seiten, 19,90 Euro.
Informationen und eine Leseprobe findest du beim Verlag. Bestellen kannst du das Buch im Onlineshop der Christlichen Bücherstuben, auf den auch der Verlag verweist.
Die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg hat mir die deutsche Ausgabe kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür.
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