Evangelikale, Katholiken und orthodoxe Christen bewegten sich lange weitgehend in ihren eigenen Kreisen. Durch YouTube und andere Plattformen treffen ihre Überzeugungen heute viel häufiger aufeinander. Das ist grundsätzlich positiv, weil dabei manche Karikatur korrigiert wird. Es kann aber auch verunsichern: Steht die Kirchengeschichte tatsächlich auf der Seite der katholischen und orthodoxen Kirche? Ist der Protestantismus erst im 16. Jahrhundert entstanden?
Gavin Ortlund geht diesen Fragen in seinem Buch Kirche braucht Erneuerung (Affiliate-Link) nach. Ortlund ist promovierter historischer Theologe und betreibt seit 2020 den YouTube-Kanal „Truth Unites“. Dort setzt er sich unter anderem mit den Unterschieden zwischen den christlichen Konfessionen auseinander.
Sein Buch ist eine faire, gründliche und verständliche Verteidigung des Protestantismus – und eine wichtige Hilfe für Protestanten, die ihre eigene Tradition besser verstehen wollen.
Wem gehört die Kirchengeschichte?
Der spätere katholische Kardinal John Henry Newman formulierte einen Satz, der bis heute häufig zitiert wird:
„Tief in die Geschichte eindringen, heißt aufhören, Protestant zu sein.“
Wer tief in die Kirchengeschichte eintauche, so der Gedanke, höre auf, Protestant zu sein. Dahinter steht eine nachvollziehbare Überlegung: Die frühen Kirchenväter lebten zeitlich näher an den Aposteln als die Reformatoren. Wenn ihre Überzeugungen der heutigen katholischen oder orthodoxen Lehre entsprechen, scheint dies ein starkes Argument gegen den Protestantismus zu sein.
In vielen Diskussionen entsteht daher ein vereinfachtes Bild: Die Protestanten berufen sich auf die Bibel, während Katholiken und Orthodoxe die Kirchengeschichte auf ihrer Seite zu haben scheinen.
Ortlund bestreitet nicht die Bedeutung der Kirchenväter. Er zeigt jedoch, dass ihr Zeugnis deutlich vielfältiger ist, als es in manchen Darstellungen erscheint. Einige ihrer Aussagen passen gut zu späteren katholischen oder orthodoxen Überzeugungen, andere eher zu protestantischen. Wieder andere lassen sich nicht ohne Weiteres in unsere heutigen konfessionellen Kategorien einordnen.
Wer sich ernsthaft mit Kirchengeschichte beschäftigt, muss deshalb nicht zwangsläufig aufhören, Protestant zu sein.
Welchen Protestantismus verteidigt Ortlund?
Ortlund ist selbst Baptist, verteidigt in diesem Buch aber nicht speziell seine baptistische Position. Er beschäftigt sich mit dem gemeinsamen Kern des klassischen Protestantismus. Diese Beschränkung halte ich für sinnvoll, denn bevor man über die Unterschiede zwischen Baptisten, Lutheranern, Reformierten oder Methodisten spricht, stellt sich zunächst die grundsätzlichere Frage: Ist es überhaupt sinnvoll und historisch vertretbar, Protestant zu sein?
Für den deutschen Kontext ist dabei wichtig: Ortlund verteidigt nicht automatisch alles, was heute organisatorisch zum Protestantismus gehört. Große Teile der evangelischen Landeskirchen haben sich theologisch von zentralen Überzeugungen der Reformation entfernt.
Ortlund verteidigt vielmehr einen klassischen Protestantismus, für den die Bibel und die zentralen Lehren der Reformation weiterhin verbindlich sind. In Deutschland dürfte sein Buch deshalb besonders evangelikale und andere bekenntnisorientierte Christen ansprechen.
Dabei versteht er die Reformation nicht als Gründung einer völlig neuen Kirche. Sie wollte die bestehende Kirche vielmehr erneuern, zur Autorität der Bibel zurückführen und Fehlentwicklungen korrigieren.
Was sola scriptura wirklich bedeutet
Am hilfreichsten fand ich die Kapitel 5 und 6. Darin beschäftigt sich Ortlund mit sola scriptura, einem der zentralen Grundsätze der Reformation.
Der Ausdruck wird meistens mit „allein die Schrift“ übersetzt. Das kann leicht missverstanden werden. Sola scriptura bedeutet nicht, dass Christen außer der Bibel nichts lesen sollten. Es bedeutet auch nicht, dass Tradition, Glaubensbekenntnisse, Konzilien, Pastoren oder theologische Lehrer keine Autorität besitzen.
Der Ausgangspunkt ist eine wichtige Gemeinsamkeit: Protestanten, Katholiken und orthodoxe Christen erkennen die Bibel als inspiriertes und unfehlbares Wort Gottes an. Der entscheidende Unterschied liegt also nicht in der Frage, ob die Bibel Autorität besitzt.
Die Streitfrage lautet vielmehr: Ist die Bibel die einzige unfehlbare Glaubensregel der Kirche? Oder gibt es daneben eine kirchliche Instanz, die ebenfalls verbindlich und vor Irrtum bewahrt über Glaubensfragen entscheiden kann?
Katholische und orthodoxe Christen beantworten diese Frage anders als Protestanten. Sie setzen Bibel und Kirche nicht einfach gleich. Sie vertrauen aber darauf, dass die Kirche unter bestimmten Bedingungen unfehlbar urteilen oder die überlieferte Lehre ohne Irrtum bewahren kann.
Der Protestantismus bestreitet dagegen nicht, dass die Kirche Autorität hat. Er bestreitet, dass sie nach der Zeit der Apostel unfehlbar urteilen kann.
Ortlund erklärt den Unterschied mit einem einfachen Vergleich: Ein Schiedsrichter besitzt in einem Spiel wirkliche Autorität. Seine Entscheidungen gelten, obwohl er sich irren kann. Autorität und Unfehlbarkeit sind also nicht dasselbe.
Entsprechend besitzen auch Gemeinden, Pastoren, Bekenntnisse und Konzilien eine wirkliche Autorität. Ihre Aussagen müssen ernst genommen werden. Sie können aber irren und müssen deshalb an der Bibel geprüft werden. Die Bibel ist die letzte Berufungsinstanz – die einzige Glaubensregel, die nicht selbst korrigiert werden muss.
Gerade diese Erklärung fand ich hilfreich. In manchen evangelikalen Kreisen wird sola scriptura praktisch so verstanden, als bedeute es: nur ich und meine Bibel. Die christliche Tradition und die Auslegung früherer Generationen spielen dann kaum eine Rolle. Das war jedoch nicht das Verständnis der Reformatoren. Der klassische Protestantismus kann die Kirchenväter, die alten Glaubensbekenntnisse und die Kirchengeschichte hoch achten, ohne ihnen dieselbe Unfehlbarkeit wie der Bibel zuzuschreiben.
Marias Himmelfahrt und die Verehrung von Bildern
Im letzten Teil des Buches untersucht Ortlund zwei konkrete Beispiele: Marias Himmelfahrt und die Verehrung von Ikonen. Mit Marias Himmelfahrt ist die katholische Lehre gemeint, Maria sei am Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Ikonen sind besonders verehrte Bilder von Christus, Maria oder den Heiligen und spielen vor allem in der orthodoxen Kirche eine wichtige Rolle.
Ortlunds Ergebnis ist deutlich. Er argumentiert nicht lediglich, dass es zu diesen Themen in der frühen Kirche unterschiedliche Auffassungen gegeben habe. Seine These ist stärker: Beide Lehren finden sich bei den frühen Kirchenvätern nicht. Teilweise finden sich bei ihnen sogar Aussagen, die solchen späteren Überzeugungen deutlich entgegenstehen.
Für Ortlund handelt es sich deshalb um Entwicklungen, die erst im Laufe der Kirchengeschichte entstanden sind. Sie können nicht überzeugend als Lehren dargestellt werden, die seit der Zeit der Apostel unverändert von der Kirche bewahrt wurden.
Diese Beispiele zeigen, dass eine alte kirchliche Tradition nicht automatisch beweist, dass jede heutige Lehre auf die Apostel zurückgeht. Ortlund behauptet allerdings auch nicht, die frühe Kirche habe einfach wie eine moderne evangelikale Freikirche ausgesehen. Manche Aussagen der Kirchenväter stellen auch seine eigene baptistische Position infrage. Dass er mit solchen Schwierigkeiten offen umgeht, macht seine Argumentation glaubwürdig.
Lernen, ohne die eigene Überzeugung aufzugeben
Durch das Buch habe ich nicht nur Argumente für den Protestantismus kennengelernt. Ich habe zugleich ein besseres Verständnis für katholische und orthodoxe Positionen gewonnen. Ortlund stellt sie fair dar und versucht zunächst zu verstehen, warum sie auf ihre Vertreter überzeugend wirken.
Das halte ich für eine große Stärke des Buches. Eine andere Position besser zu verstehen, bedeutet nicht, dass die Unterschiede unwichtig werden. Man kann eine Überzeugung fair darstellen und ihr weiterhin deutlich widersprechen.
Zugleich hat mir das Buch bewusst gemacht, wie wenig sich viele Evangelikale mit der Geschichte der Kirche vor der Reformation beschäftigen. Das trifft auch auf mich zu. Wir kennen vielleicht einige Ereignisse aus der Apostelgeschichte und springen dann gedanklich schnell zu Luther. Die vielen Jahrhunderte dazwischen bleiben weitgehend unbekannt.
Das macht uns unnötig anfällig für die Behauptung, der Protestantismus habe keine historischen Wurzeln. Ortlunds Antwort besteht nicht darin, die Kirchengeschichte abzuwerten. Er ermutigt Protestanten vielmehr, sie endlich ernst zu nehmen.
Kirche braucht Erneuerung behandelt nicht jede Detailfrage. Als Einführung ist es aber erstaunlich gründlich, verständlich und fair. Das Buch eignet sich besonders für Protestanten, die ihre eigene Tradition besser verstehen wollen oder durch katholische und orthodoxe Argumente verunsichert sind. Auch Christen anderer Konfessionen können dadurch eine sachliche protestantische Selbstbeschreibung kennenlernen.
Mir hat das Buch geholfen, andere christliche Traditionen besser zu verstehen – und zugleich überzeugter an meiner protestantischen Position festzuhalten. Gerade deshalb halte ich es für einen sehr guten Ausgangspunkt.
Ortlunds fairer Umgang mit theologischen Differenzen prägt auch The Art of Disagreeing, das zu meinen besten Büchern aus 2025 gehörte. Über sein inzwischen auf Deutsch erschienenes Buch Wofür es sich zu kämpfen lohnt (Affiliate-Link) habe ich bereits in meiner Auslese vom November 2020 geschrieben.
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