Was die Wingfeather Saga über das menschliche Herz erzählt

Die Wingfeather Saga ist mehr als eine spannende Abenteuergeschichte. Ein spoilerfreier Blick auf Schuld, Vergebung, Leid und selbsthingebende Liebe.

Manche Wahrheiten verstehen wir tiefer, wenn wir sie nicht nur erklärt bekommen, sondern in einer Geschichte miterleben. Schuld und Vergebung, Angst und Mut, Leid und Hoffnung bleiben dann keine abstrakten Begriffe. Wir sehen, was sie für einen Menschen bedeuten.

Genau darin liegt die Stärke von Andrew Petersons Wingfeather Saga.

Als ich vor gut einem Jahr den ersten Band las, war ich bereits von Petersons fantasievoller Welt, seinem Humor und seinen glaubwürdigen Figuren begeistert. Damals habe ich die Reihe ausführlicher vorgestellt. Inzwischen habe ich alle vier Bände beendet. Vor allem die letzten beiden zeigen, wie viel Tiefe in dieser Geschichte steckt.

Die Saga erzählt von der Dunkelheit im menschlichen Herzen, von Schuld und Scham, von schwerem Leid und von einer Liebe, die sich selbst hingibt. Diese Themen werden nicht in Lehrsätzen abgehandelt. Sie zeigen sich in den Entscheidungen, Beziehungen und inneren Kämpfen der Figuren.

Anders gelesen als geplant

The Monster in the Hollows (Affiliate-Link) und The Warden and the Wolf King (Affiliate-Link) gehörten zu meiner diesjährigen Urlaubslektüre. Bei einem Familienurlaub mit vier Kindern, darunter zwei Kleinkindern, blieb allerdings weniger Zeit zum Lesen als erhofft.

Deshalb habe ich Teile des vierten Bandes als englisches Hörbuch gehört. So konnte ich die Geschichte auch in ruhigeren Minuten weiterverfolgen – etwa beim Abspülen oder abends im Zelt, wenn ich kein Licht mehr einschalten wollte. Das Hörbuch wird von Andrew Peterson selbst gelesen und ist sehr gut gesprochen.

Das eigentliche Schlachtfeld ist das menschliche Herz

Fantasy erzählt häufig vom Kampf zwischen Gut und Böse. Auch in der Wingfeather Saga gibt es finstere Herrscher, gefährliche Wesen, mutige Helden und große Schlachten. Das Böse kommt jedoch nicht nur von außen.

Die Figuren kämpfen mit Neid, Bitterkeit, Angst und Stolz. Sie möchten ihrer Verantwortung ausweichen, treffen falsche Entscheidungen und verletzen Menschen, die sie lieben. Was zunächst klein erscheint, kann Folgen haben, die sich nicht einfach rückgängig machen lassen.

Deshalb wirken Janner, Kalmar und die anderen nicht wie idealisierte Helden. Die Geschichte spielt in einer erfundenen Welt. Die inneren Kämpfe ihrer Figuren wirken dennoch erstaunlich vertraut. Neben ihrem Mut begegnen uns Regungen, die wir aus dem eigenen Herzen kennen.

Peterson erklärt in einem ausführlichen Interview, dass ihn genau das interessierte: Nicht nur die Welt um uns herum ist dunkel. Auch in uns selbst ist etwas zerbrochen, das wir nicht aus eigener Kraft überwinden können. Das Evangelium handelt deshalb nicht von Menschen, die nur genügend Mut aufbringen müssen. Es handelt von einer Gnade, die von außen kommt und Menschen verändert.

Schuld, Scham und die Hoffnung auf Vergebung

Besonders eindrücklich zeigt die Geschichte, wie eng Schuld und Scham miteinander verbunden sein können.

Schuld bedeutet, dass ein Mensch tatsächlich schuldig geworden ist. Zerstörerische Scham zieht daraus ein umfassendes Urteil: Weil ich versagt habe, bin ich nichts anderes als mein Versagen. Ich bin das, was ich getan habe oder was andere in mir sehen. Für mich kann es keine Rückkehr mehr geben.

Diese Frage prägt vor allem die späteren Bände: Kann ein Mensch noch geliebt werden, wenn seine falschen Entscheidungen sichtbare Spuren hinterlassen haben? Kann er wiederhergestellt werden, ohne dass seine Schuld verharmlost wird? Können andere in ihm noch den Menschen erkennen, der er eigentlich ist?

Peterson macht es sich weder mit der Schuld noch mit der Vergebung zu leicht. Entscheidungen haben Folgen, Verletzungen bleiben bestehen und Vertrauen muss neu wachsen. Dennoch muss das Versagen nicht die endgültige Identität eines Menschen bestimmen. Vergebung bedeutet, dass Schuld nicht das letzte Wort behalten muss. Ein Mensch kann geliebt und wiederhergestellt werden, ohne dass das Böse kleingeredet wird. Gerade diese Verbindung aus einem ehrlichen Blick auf die Schuld und einer Liebe, die den Schuldigen nicht aufgibt, macht die Geschichte so kraftvoll.

Kann der Schöpfer gut sein, wenn die Geschichte wehtut?

Je weiter die Saga voranschreitet, desto ernster und schmerzhafter wird sie. Der spielerische Humor des ersten Bandes verschwindet nicht, doch die Figuren erleben Verlust, Angst und Situationen, in denen kein guter Ausgang mehr erkennbar ist.

Damit greift die Reihe auf erzählerische Weise eine der ältesten Fragen des Glaubens auf: Kann der Schöpfer wirklich gut sein, wenn er zulässt, dass seine Geschöpfe leiden?

Peterson beantwortet diese Frage nicht philosophisch. Stattdessen nutzt er das Bild vom Autor und seiner Figur. Als Autor kennt er die ganze Geschichte. Janner sieht dagegen immer nur das Kapitel, in dem er sich gerade befindet.

Peterson selbst beschreibt Janners Weg aus dieser Perspektive: Auch in den schmerzhaften Abschnitten habe er Janners Gutes und seine Entwicklung im Blick behalten. Gerade durch Widerstände und Leid sollte Janner zu dem Menschen heranreifen, den Peterson von Anfang an vor Augen hatte.

Natürlich lässt sich das Verhältnis zwischen einem Romanautor und seiner Figur nicht einfach auf Gott und die Welt übertragen. Das Bild erklärt nicht, warum Gott ein bestimmtes Leid zulässt. Es macht aber den Unterschied der Perspektiven anschaulich: Wir sehen immer nur einen kleinen Teil der Geschichte.

Christliche Hoffnung gründet deshalb nicht darauf, dass wir den Sinn jedes schmerzhaften Kapitels erklären können. Sie gründet sich auf den Charakter Gottes, der die ganze Geschichte kennt und zu ihrem Ziel führt.

Erlösung durch eine Liebe, die sich selbst hingibt

Von Anfang an geht es in der Wingfeather Saga um Familie, Verantwortung und die Frage, was Menschen füreinander zu tragen bereit sind. Besonders Janner empfindet seine Aufgabe nicht nur als Ehre, sondern auch als Last.

Im Verlauf der Saga verändert sich sein Verständnis von Verantwortung. Treue besteht nicht darin, eine besondere Stellung zu besitzen oder als Held wahrgenommen zu werden. Sie zeigt sich darin, den anderen höher zu achten als sich selbst und bei ihm zu bleiben, wenn es etwas kostet.

Damit führt Peterson mehrere Themen der Reihe zusammen. Die Antwort auf Schuld und Zerbruch liegt nicht in größerer Macht. Im Zentrum steht vielmehr eine Liebe, die sich selbst hingibt, um andere zu retten und wiederherzustellen.

Mehr möchte ich über die Handlung bewusst nicht sagen. Gerade die letzten Kapitel sollte jeder selbst erleben. Der Schluss wächst folgerichtig aus den Aufgaben, Beziehungen und inneren Kämpfen heraus, die Peterson über vier Bände hinweg entwickelt hat.

Christlich, ohne eine verkleidete Predigt zu sein

Die Wingfeather Saga ist keine Allegorie, in der jede Figur eindeutig für eine Person oder Lehre des christlichen Glaubens steht. Sie ist zunächst eine Fantasygeschichte, die als Geschichte funktioniert.

Dennoch ist Petersons christliches Weltbild auf nahezu jeder Ebene spürbar. Er selbst bezeichnet die Bibel als die tiefste Schicht, aus der seine Erzählung gewachsen ist. In einem Hinweis an Eltern schreibt er, die Saga handle von Licht, Güte und Wahrheit, aber ebenso von Auferstehung und Erlösung.

Gerade weil Peterson diese Überzeugungen nicht in belehrenden Einschüben vorträgt, entfalten sie erzählerische Kraft. Der Leser erhält keine Definition von Gnade, sondern erlebt, wie ein schuldiger Mensch geliebt wird. Er liest keine Abhandlung über die Vorsehung Gottes, sondern begleitet Figuren, die weiter vertrauen müssen, obwohl sie keinen guten Ausgang erkennen können.

Gute Geschichten können Wahrheit auf eine Weise in unsere Vorstellungskraft einprägen, die eine sachliche Erklärung allein nicht erreicht. Darin erinnert Peterson an C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien, ohne sie lediglich nachzuahmen.

Wer den Wert guter Geschichten aus christlicher Perspektive weiterdenken möchte, findet in der Podcastfolge „Brauchen Christen gute Geschichten?“ von Verbum Medien eine hilfreiche Ergänzung.

Für wen sich die Saga eignet

Nach vier Bänden empfehle ich die Wingfeather Saga noch entschiedener als nach dem ersten. Allerdings werden die späteren Bände deutlich ernster und emotional anspruchsvoller, als der verspielte Beginn vermuten lässt. Die Altersempfehlung ab neun Jahren passt deshalb nicht automatisch für jedes Kind. Beim gemeinsamen Lesen können Eltern die schwierigeren Stellen begleiten und über Angst, Schuld, Vergebung, Mut und Hoffnung sprechen.

Wer nur den ersten Band kennt und sich über manche Fußnote oder den ungewöhnlichen Humor gewundert hat, sollte der Reihe Zeit geben. Die Welt wird größer, die Figuren gewinnen an Tiefe und viele Einzelheiten erhalten erst später ihr volles Gewicht.

Lesen oder hören?

Die ersten drei Bände sind inzwischen auf Deutsch erschienen. Der vierte Band ist derzeit nur auf Englisch erhältlich. Alle vier englischen Bände sind außerdem als gebundenes Set erhältlich (Affiliate-Link).

Alle vier englischen Hörbücher werden von Andrew Peterson selbst gelesen. Auf Deutsch gibt es derzeit ein ungekürztes Hörbuch des ersten Bandes, gelesen von Philipp Schepmann. Ich habe in diese Fassung bisher nicht hineingehört und kann die Sprecherleistung deshalb nicht beurteilen. Weitere deutschsprachige Hörbücher der Reihe konnte ich nicht finden.

Was von der Geschichte bleibt

Die Wingfeather Saga hat mich nicht nur gut unterhalten. Begeistert hat mich besonders, wie sie zum Nachdenken über das menschliche Herz, über Schuld und Vergebung, über Leid und über selbsthingebende Liebe anregt.

Dabei drängt Peterson seinen Lesern keine fertige Auslegung auf. Er vertraut seiner Geschichte – und dem Leser. Vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke.

Wer eine fantasievolle, spannende und hoffnungsvolle Geschichte sucht, die Kinder und Erwachsene ernst nimmt, sollte sich auf den Weg nach Aerwiar machen.

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