Wenn Christen zweifeln: Philip Ryken über einen ehrlichen Glauben

Philip Ryken zeigt, warum Zweifel nicht verschwiegen werden müssen und wie sie im Gebet vor Gott gehören.

Bücher über Zweifel gibt es viele. Manche behandeln vor allem philosophische Einwände gegen den Glauben. Andere erzählen persönliche Krisen und Wege zurück zur Gewissheit. Philip Ryken geht in I Have My Doubts: How God Can Use Your Uncertainty to Reawaken Your Faith (Affiliate-Link) einen anderen Weg: Er nimmt seine Leser mit zu den Zweiflern der Bibel.

Ryken ist seit 2010 Präsident des Wheaton College und Professor für Theologie. Zuvor war er viele Jahre Pastor der Tenth Presbyterian Church in Philadelphia. Diese Verbindung aus theologischer Klarheit und pastoraler Erfahrung prägt auch dieses Buch. Ryken schreibt nicht distanziert oder akademisch kühl, sondern ehrlich, biblisch und seelsorgerlich.

Zweifel gehören zu den Themen, über die Christen oft ungern sprechen. Besonders in evangelikalen Gemeinden entsteht schnell der Eindruck: Wer wirklich glaubt, zweifelt nicht. Und wer zweifelt, sollte das besser nicht zu offen zeigen. Ryken hält dagegen. Sein Grundgedanke lautet: Zweifel sind keine Ausnahmeerscheinung im Leben des Glaubens. Entscheidend ist nicht zuerst, ob sie auftreten, sondern wie wir mit ihnen umgehen.

Gerade diese ehrliche und biblische Perspektive macht das Buch so wertvoll – für Christen, die selbst mit Zweifeln kämpfen, und ebenso für alle, die Menschen begleiten, deren Glaube ins Wanken geraten ist.

Wenn Glaubenshelden zweifeln

Ryken beginnt überraschend persönlich. Er schreibt nicht nur über Menschen mit Glaubenszweifeln, sondern bekennt offen, dass auch er Zeiten kennt, in denen er Gottes Nähe, seine Fürsorge oder einzelne Aussagen der Bibel infrage stellt. Diese Ehrlichkeit wirkt wohltuend.

Viele Christen kennen solche Fragen, sprechen aber kaum darüber. Vielleicht wollen sie nicht als glaubensschwach gelten. Vielleicht befürchten sie auch, der christliche Glaube wirke weniger überzeugend, wenn Christen zugeben, dass sie nicht auf jede Frage sofort eine fertige Antwort haben.

Doch die Bibel selbst ist erstaunlich offen. Ryken zeigt das anhand vieler bekannter Personen: Eva, Sara, Mose, Asaf, Jeremia, Thomas oder Petrus. Fast jeder, der in der Bibel für seinen Glauben bekannt ist, hatte irgendwann auch mit Zweifeln zu kämpfen.

Gerade darin liegt eine große Ermutigung. Die Bibel verschweigt die Kämpfe ihrer Glaubensvorbilder nicht. Sie zeigt Menschen mit echtem Glauben – und echten Fragen. Ryken macht Zweifel dabei weder zur Tugend noch automatisch zur Sünde. Sie können gefährlich werden, wenn sie sich gegen Gottes Wort verhärten oder zum Vorwand für Ungehorsam werden. Sie können aber auch dazu führen, dass Gott unseren Glauben vertieft und reifen lässt.

Zweifel brauchen Wahrheit und Barmherzigkeit

Eine besondere Stärke des Buches ist, dass Ryken nicht abstrakt über Zweifel schreibt. Jedes Kapitel entfaltet eine biblische Geschichte: Eva zweifelt an Gottes Wort, Sara an seiner Verheißung, Mose an seiner Berufung, Asaf ringt mit Gottes Gerechtigkeit, Jeremia mit seiner Fürsorge, Thomas mit der Auferstehung und Petrus sinkt im Sturm.

Dabei wird deutlich: Zweifel sehen nicht immer gleich aus. Manche sind intellektuell geprägt, andere entstehen mitten im Leid oder in einer tiefen persönlichen Krise. Deshalb gibt es auch keine Patentlösung.

Besonders angesprochen hat mich Rykens seelsorgerlicher Blick auf Menschen, die zweifeln. Natürlich brauchen manche Fragen gute Antworten. Sorgfältige Bibelauslegung und ehrliche Apologetik haben ihren wichtigen Platz. Doch oft brauchen Zweifler zunächst etwas anderes: einen Christen, der zuhört, sie ernst nimmt und nicht vorschnell aufgibt.

Das erinnert an Judas 22: „Erbarmt euch derer, die zweifeln.“ Gemeinden sollten Orte sein, an denen Fragen ausgesprochen werden dürfen, ohne dass jemand sofort den Eindruck bekommt, sein Glaube werde grundsätzlich infrage gestellt.

Mit Zweifeln zu Gott

Ryken belässt es jedoch nicht dabei, Zweifel zu verstehen. Er zeigt immer wieder den Weg, wie Christen mit ihnen umgehen können.

Wenn wir Gottes Handeln nicht erkennen, sollen wir wie Elisa beten: „Herr, öffne uns die Augen.“ Wenn wir an Gottes Fürsorge zweifeln, sollen wir mit unseren Fragen nicht von ihm weglaufen, sondern gerade zu ihm kommen. Zweifel werden nicht dadurch überwunden, dass wir sie verdrängen oder endlos um sie kreisen. Sie gehören ins Gebet.

Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: Glaube bedeutet nicht, keine Fragen mehr zu haben. Glaube bedeutet, mit unseren Fragen zu Gott zu gehen. Oder, wie Ryken schreibt: „Was immer wir im Dunkeln bezweifeln – wir sollen es im Gebet vor den Herrn bringen.“

Warum sich das Buch lohnt

I Have My Doubts (Affiliate-Link) ist ein kurzweiliges, ehrliches und zugleich tiefgründiges Buch. Auf knapp 170 Seiten verbindet Ryken biblische Auslegung, persönliche Erfahrungen und viele gut ausgewählte Zitate anderer Autoren zu einem seelsorgerlich ausgewogenen Ganzen. Besonders gefallen hat mir, wie lebendig er die biblischen Geschichten erzählt und wie verständlich er ihre Bedeutung für unsere eigenen Glaubenskämpfe herausarbeitet.

Wer vor allem eine systematische Auseinandersetzung mit philosophischen Einwänden gegen den Glauben sucht, wird hier nicht den Schwerpunkt finden. Rykens Stärke liegt vielmehr darin, Zweifel biblisch und seelsorgerlich einzuordnen.

Ich würde das Buch besonders Christen empfehlen, die selbst mit Zweifeln ringen, aber ebenso Pastoren, Ältesten und Mitarbeitern, die solche Menschen begleiten. Es hilft, Zweifel weder zu dramatisieren noch zu bagatellisieren, sondern biblisch einzuordnen und ihnen mit Wahrheit, Geduld und Barmherzigkeit zu begegnen.

Wir sollten keine Angst vor Zweifeln haben. Aber wir sollten auch nicht bei ihnen stehen bleiben. Zweifel brauchen weder Verherrlichung noch Verdrängung. Sie brauchen Wahrheit, Gebet und Geschwister, die den Glaubensweg gemeinsam weitergehen.

Genau darin liegt die Stärke dieses Buches: Es nimmt Zweifel ernst und führt sie zugleich dorthin, wo Glaube wachsen kann – zu Gott selbst.

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