Gäste aufnehmen statt Gäste unterhalten

Gastfreundschaft beginnt nicht mit dem perfekten Abend, sondern mit einer offenen Tür. Warum gerade das unperfekte, echte Leben Gemeinschaft fördern kann.

Manchmal genügt ein einziger Gedanke aus einem Buch, um eine festgefahrene Denkweise ins Wanken zu bringen.

Ein solcher Gedanke aus Kleine Routinen, große Wirkung von Justin Whitmel Earley (siehe Buchvorstellung) ist mir besonders nachgegangen. Sein Kapitel über Gastfreundschaft erinnert an etwas, das ich im Alltag schnell vergesse: Gastfreundschaft beginnt nicht erst dort, wo alles ordentlich, vorbereitet und vorzeigbar ist.

Die Hürde ist oft höher als nötig

Ich merke selbst, wie schnell ich denke: Bevor wir jemanden einladen, müsste erst alles passen. Das Wohnzimmer sollte aufgeräumt sein, das Essen gut vorbereitet und die Kinder möglichst entspannt. Schließlich möchte man, dass sich die Gäste wohlfühlen.

Vermutlich bin ich damit nicht allein.

Wir wollen unser Zuhause öffnen. Gleichzeitig möchten wir aber auch einen guten Eindruck machen. Und genau dadurch wird die Hürde manchmal höher, als sie sein müsste.

Nicht selten führt das dazu, dass wir lieber noch etwas warten. Wenn etwas mehr Ruhe eingekehrt ist. Wenn das Haus ordentlicher aussieht. Wenn wir mehr Zeit für die Vorbereitung haben.

Aber dieser Zeitpunkt kommt erstaunlich selten.

Eine hilfreiche Unterscheidung

Earley beschreibt diese Spannung mit einer einfachen, aber hilfreichen Unterscheidung. Er zeigt, dass wir Gastfreundschaft leicht mit Unterhaltung verwechseln.

Wer Gäste unterhalten möchte, versucht einen möglichst gelungenen Abend zu gestalten. Das Zuhause soll schön aussehen, das Essen soll besonders sein und alles möglichst reibungslos funktionieren.

Natürlich ist daran nichts falsch. Es ist Ausdruck von Wertschätzung, wenn wir uns Mühe geben. Aber Gastfreundschaft erschöpft sich eben nicht darin.

Earley schreibt:

„Gastfreundschaft bedeutet einfach, seine Türen zu öffnen.“

Und wenig später ergänzt er:

„Gastfreundschaft bedeutet, jemanden im Durcheinander willkommen zu heißen. Es bedeutet, jemanden in das Chaos einzuladen, denn dort findet das echte Familienleben statt.“

Diese Sätze entlasten mich.

Echte Gastfreundschaft bedeutet, Menschen an unserem echten Leben teilhaben zu lassen – nicht erst dann, wenn alles fertig, sauber und gut vorbereitet ist.

Das echte Leben ist nicht perfekt

Vielleicht ist das Essen einfacher als geplant. Vielleicht liegen noch Spielsachen im Wohnzimmer. Vielleicht wird ein Kind während des Essens laut oder jemand verschüttet sein Getränk.

Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht: Hoffentlich hinterlässt das keinen schlechten Eindruck.

Heute frage ich mich eher: Warum eigentlich?

Ist es nicht gerade hilfreich, wenn Menschen sehen, dass auch christliche Familien nicht perfekt sind? Dass wir ebenfalls müde sind, Geduld verlieren, nicht immer alles im Griff haben und trotzdem miteinander lachen, beten und Gemeinschaft leben?

Echte Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen keine perfekte Inszenierung erleben, sondern ein ehrliches Zuhause.

Gastfreundschaft bedeutet nicht, dass andere sehen, wie gut wir alles im Griff haben. Sie bedeutet, dass wir unser Leben öffnen. Damit prägen wir auch die Kultur unserer Gemeinde (siehe dazu auch meinen Artikel über Gemeinsames Leben). Wer erlebt, dass er im Unfertigen willkommen ist, findet vielleicht selbst leichter den Mut, andere nicht erst dann einzuladen, wenn alles perfekt aussieht.

Das Neue Testament ruft Christen auffallend selbstverständlich zur Gastfreundschaft auf (Röm 12,13; 1Petr 4,9). Das überrascht nicht: Gott selbst hat uns durch Jesus aufgenommen, obwohl wir ihm nichts vorweisen konnten. Wer das selbst erlebt hat, darf auch andere mit offenen Türen und offenen Herzen willkommen heißen.

Einfach die Tür öffnen

Ein anderer Satz aus Earleys Buch ist mir ebenfalls hängen geblieben:

„Der Wunsch, dass alles perfekt ist, führt oft dazu, dass überhaupt nichts passiert.“

Ich glaube, das trifft nicht nur auf Gastfreundschaft zu. Aber gerade dort merken wir es besonders deutlich. Wie schade wäre es, wenn Menschen nie an unserem Esstisch sitzen würden, weil wir auf den perfekten Zeitpunkt warten.

Vielleicht braucht es gar kein besonderes Menü. Kein makelloses Zuhause. Keine perfekte Familie.

Vielleicht braucht es einfach Menschen, die bereit sind, ihre Tür zu öffnen.

Und vielleicht beginnt Gastfreundschaft genau dort: mit einem freien Stuhl an unserem Tisch.


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